Fohlen reloaded

Borussia Mönchengladbach verzückt derzeit die Liga und steht gefühlt zum ersten Mal seit den goldenen Siebzigern auf Platz 1 der Fußball-Bundesliga. Dabei sah es vor wenigen Monaten noch ganz anders aus am Niederrhein. Was ist passiert?

Mitten in den aussichtslosen Abstiegskampf, in dem sich die Borussia zum Ende der letzten Saison befand, platzte der Ex-Gladbacher Stefan Effenberg und sah sich bemüßigt, den rapiden und scheinbar unaufhaltbaren Abstieg „seines Herzensverein“ zu stoppen. Der Tiger wollte Initiative übernehmen und gründete wenig einfallsreich die „Initiative Borussia“, mit der er die Macht im Verein übernehmen sollte, um dann wahrscheinlich alles besser zu machen. Fest eingeplant war der Abstieg. Ein Neuanfang musste her. Langer Rede kurzer Sinn: Ein Tiger ist und bleibt ein Einzelgänger. Das gilt erst recht am Bökelberg. Effe scheiterte beeindruckend peinlich.

Denn so unausweichlich der Abstieg schien, so fest glaubten die meisten im Verein daran, eben diesen abzuwenden. Allen voran Chef-Tüftler Lucien Favre, der die Borussia auf einem trostlosen 18. Tabellenplatz übernahm. Der Schweizer hauchte dem unorganisierten Haufen namens Mannschaft neues Selbstbewusstsein ein und wurde nicht müde, die eigenen Stärken hervorzuheben, die, wenn man mal ehrlich ist, eigentlich nicht vorhanden waren. Sei es drum, es reichte und über den Umweg der Relegation startete man auch dieses Jahr in die Bundesliga. Und wie.

Am Bökelberg hat man wieder Fohlen im Stall

Es gab keine spektakulären Neuzugänge, sondern nur das große Taktik-Einmaleins von Lulu Favre, das seine Schützlinge offensichtlich fleißig gepaukt haben. Die Folge: Der beste Bundesliga-Start seit langem. Es werden sogar Erinnerungen an die goldenen Siebziger wach, wenn Marco Reus und Co einen guten Tag erwischen, wie der VfL Wolfsburg unlängst am eigenen Leib zu spüren bekam. Der unnachahmliche Hennes Weisweiler erklärte das Spielsystem seinerzeit so: „Abseits is‘, wenn dat lange Arschloch zu spät abspielt“. Gemeint war natürlich Günter Netzer. Etwas vornehmer drückt sich der schweizer Weltmann Favre aus, wenn er von polyvalenten Spielern spricht, die ein Spiel durch Spielintelligenz gewinnen. Inhaltlich besteht praktisch kein Unterschied zu Weisweilers Philosophie.

Favres Netzer ist Marco Reus. Auch wenn es an ein Wunder grenzt, dass das Offensiv-Talent nicht gewechselt ist, so surft Jünter Reuser ganz vorne auf der Erfolgswelle. Doch natürlich darf man die vielen kleinen Helferlein nicht vergessen, die die Drecksarbeit erledigen, wie z.B. Dante Vogts in der Verteidigung; der brasilianische Wadenbeißer räumt mit Roel-Rainer Brouwershoff und Fil-Ulip Stielikaems hinten so ziemlich alles ab und wenn ein gegnerischer Angriff doch mal bis vors Tor kommt, wird er von Marc-Andre ter Kleff entschärft. Neben besagtem Reus köppelt im Mittelfeld Horst Arango, bis die Schwarte kracht resp. bis der Ball im Tor ist oder wenigstens bei Jupp Bobadilla oder Kalle Del’Hanke. Ob man die Borussia der 2010er Jahre mit der Borussia der 1970er vergleichen kann, sei dahin gestellt. Wenn die kommenden Jahre aber auch nur halb so erfolgreich werden, wäre das eine Menge Balsam auf die gepeinigte Borussen-Seele.

3 Gedanken zu „Fohlen reloaded“

  1. Sympathischer Verein, aber nun die Spieler hochloben, die in der letzten Saison bis auf ter Stegen lange grandios versagt haben, ist farblos – zu schwarz weiß halt. In welchem Ansehen steht Favres Nachhaltigkeit eigentlich bei den Herthanern? (würde ich wirklich gern wissen)

  2. Hm, gute Frage. So nachhaltig war das in Berlin wohl doch nicht. Die sind ja schon nach einer Saison wieder aufgestiegen.

Kommentare sind geschlossen.