Was ist eigentlich… eine JHV?

Oh, du schöne Vorweihnachtszeit. Was für die einen Adventskerzen und stimmungsvolle Lieder bedeutet, heißt bei den Bundesligavereinen: Stress pur, denn die jährliche Hauptversammlung für die Klubmitglieder will organisiert und durchgeführt werden. Wie das alles abläuft? Mauertaktik weiß es.

TOP 1 Begrüßung

Der Vorstandsvorsitzende, Präsident oder wer sich auch immer gerade für den stärksten Mann im Verein hält, heißt die meist ebenso zahlreich wie durstig erschienenen Mitglieder herzlich willkommen. Schon hier werden die Weichen gestellt, in welcher Stimmung der weitere Abend verläuft. Erntet der Präsi auf ein harmloses „Gott zum Gruße“ ein wüstes Pfeifkonzert, kann er sich darauf gefasst machen, dass Köpfe rollen werden, im schlimmsten Falle auch sein eigener. Gelangweilter Applaus dagegen verspricht einen ruhigen Abend.

TOP 2 Totengedenken

Ein eminent wichtiger Punkt. Obwohl die Bundesligisten natürlich längst moderne Wirtschaftsunternehmen sind, erfordert es die Tradition, alle im vergangenen Geschäftsjahr verblichenen Klubzugehörigen ein letztes Mal zu ehren. Das schafft Zusammenhalt durch Volksnähe. Vorgehensweise: Wahlweise eine pauschale Schweigeminute (Fast-Forward-Modus) oder Verlesen aller Dahingegangen („Willy Meier, 68 Jahre, Emma Puhvogel, 91 Jahre“ – dauert länger).

TOP 3 Bericht des Vorstands

Hier wird das letzte Jahr sportlich und finanziell Paroli laufen gelassen. Faustregel 1: Je monströser die Zahlengebilde sind (egal ob rot oder schwarz), desto beeindruckender für das Fanvolk. So lassen sich auch Verbindlichkeiten in dreistelliger Millionenhöhe geschickt als Investitionen in die Zukunft verkaufen (Zauberwort: „Genussscheine“). Faustregel 2: Die sportlich dürftige Bilanz (Bundesliga Platz 11, Pokalaus in der zweiten Runde) werden durch die Heldentaten der D-Jugend (Sieger im Sparkassen-Cup, Stürmer Kevin mit 108 Pflichtspieltreffern ist bald reif für die erste Mannschaft) und den ebenso vagen wie unzutreffenden Verweis auf die „tolle Stimmung im Stadion“ aufhübschen. Faustregel 3: Der Ton macht die Musik. Ansprachen auf JHV’s unterscheiden sich im Grunde nicht von Bierzeltreden. Ergo: Je lauter, desto richtiger (vgl. Hoeneß, Uli).

httpv://www.youtube.com/v/Udk9oMJRuKY?fs=1&hl=de_DE

TOP 4 Entlastung des Vorstands

Ist im Vorfeld nicht alles aus dem Ruder gelaufen (vgl. Köln, 1. FC), handelt es sich hierbei um eine Routineangelegenheit, bei der selbst Mehrheiten wie in der ehemaligen DDR nicht ungewöhnlich sind. Sollte sich wider Erwarten doch eine Oppositionsgruppe formiert haben (meist um einen kantigen ehemaligen Profi des Vereins herum, der ebenso lange wie er keinen richtigen Job mehr hat über die Boulevard-Organe der Stadt Stimmung gegen die Klubführung gemacht hat), könnte der Ausgang etwas knapper werden. Bleibt die eigene Mehrheit im ersten Wahlgang aus, empfiehlt sich der Hammelsprung am Bierstand vorbei; bei härteren Fällen ein gezielter Einsatz des vereinseigenen Ordnungsdienst, der sich aus dem harten Kern der Kurven-Althauer rekrutiert („Doch, doch, Sie wollten jetzt gehen!“).

TOP 5 Huldigung der Mannschaft, Sonstiges

Herzstück eines jeden Profiklubs ist natürlich die (in der Regel längst erfolgreich ausgegliederte) Lizenzspielerabteilung. Wenn aller Papierkram erledigt ist und alle Würdenträger für ein weiteres Jahr bestätigt worden sind, wird die Mannschaft und der Trainerstab auf die Bühne gebeten (bei Revolutionstendenzen und beim Tabellenschlusslicht nutzt sie dagegen die erste kurze Pinkelpause, um sich durch ein Hintertürchen zu verabschieden). Es folgen: Ein zwanzigminütiges Stimmungs-Filmchen mit den tollsten Toren der letzten zwölf Monate, vom Vorstand angestimmte Sprechchöre für die Publikumslieblinge und das Versprechen des Kapitäns, den Titel im Sommer auf jeden Fall in die Stadt zu holen (auch wenn die Elf derzeit nur im unteren Mittelfeld herumdümpelt).

TOP 6 Verabschiedung

Wenn er noch im Amt ist, lässt sich der Vorstand ein letztes Mal bejubeln. Je nach persönlichem Gusto wird noch „Freibier für alle“ verkündet oder „eine gesegnete Adventszeit“ gewünscht. In jedem Falle schließen mit: „Vielen Dank fürs Kommen. Ihr seid die Besten! Bis zum nächsten Jahr.“ Dann: Schlips lockern, von der Bühne ab.

Autor: Fränck von Schleck

Fränck von Schleck ist in seiner Heimat eine veritable Legende. Als erster luxemburgischer Blogger überhaupt zog er aus, das gemütliche Kleinherzogtum im Herzen Europas in aller Fußballwelt bekannt zu machen. Der alte Spezi von Buli-Urgestein Jeff Strasser kann den nötigen Draht in die Beletage des internationalen Fußballs vorweisen. Oft angesprochen wird von Schleck auf die bizarren Umlautformationen in seinem Vornamen. Der uneheliche Sohn des bärbeißigen Alttrainers, Tee-Fau-Experten und Weizenanbauers Smudo L. wendete hierfür im Jahre 1994 die damals gültige Zweipunkteregel an. Der smarte Beneluchs wollte damit nach Insiderinformationen speziell in seiner Wahlheimat Berlin (Ost) günstig Sympathiepunkte hamstern. Die letzeburger Labertasche schreibt nach eigener Aussage über alles, was ihm unter die flinken Finger kommt. Saufkumpan Strasser rang ihm am Ende einer mehrtägigen Zechtour weiland das Versprechen ab, mit besonderer Inbrunst über den strauchelnden Pfälzer Traditionsverein zu berichten, bei dem Strasser einst beschäftigt war. Aber auch sonst gibt es kaum ein Thema, das vor der spitzen Feder von der Lützelburg sicher wäre.

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