Er mill doch nur spielen!

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Es gibt leider noch keinen adäquaten Begriff für das, was streng genommen das Pendant zum Eigentor auf der anderen Seite des Spielfeldes ist. Während im einen Fall ein Spieler, der für das Verhindern von Toren zuständig ist, ein selbiges erzielt, kann es – wie nun wieder gesehen – auch umgekehrt dazu kommen, dass ein Akteur, in dessen Dienstbeschreibung eindeutig das Einnetzen verankert ist, partout nicht treffen will – selbst wenn das ganze Stadion den Torschrei schon auf den Lippen hat.

Bloß wie nennt man das, was Dortmunds Jakub Blaszczykowski erst am Samstag im Ligaspiel beim SC Freiburg neu auflegte? „Am leeren Tor vorbeischießen“ ist akkurat, aber kompliziert, „Stürmer-GAU“ ist in Zeiten der atomaren Abrüstung irgendwie auch unpassend und die adäquate Übersetzung des englischen Worts „blooper“ lässt ebenfalls noch auf sich warten. Wie dem auch sei, der Mann, den sie Kuba nennen, hat es den Dortmunder Verantwortlichen ja schon orthographisch nicht einfach gemacht – und warum sollte jemand, der bei der Wahl zu „Mr. Unaussprechlich“ selbst in seinem Heimatland traditionell einen der vorderen Plätze belegt, vor dem Kasten ein einfacher Zeitgenosse sein. Coach Klopp jedenfalls hatte wie gewöhnlich gut lachen, vor allem wohl weil der BVB ja am Ende doch drei Punkte holte: „Wir werden die Situation vielleicht im Training zwei-, dreimal nachspielen, um zu zeigen, dass so ein Ball durchaus auch reingehen kann.“

Vielleicht setzt sich auch das Idiom „einen Katar machen“ durch. Denn erst in der Vorwoche sorgte Fahad Khalfan, bis dato hoffnungsvoller Nachwuchskicker aus dem Wüstenstaat, für die Blaupause des Kuba-Bloopers. Allerdings inklusive Pfosten und Außenriss, was Aufschläge in der B-Note zeitigte. Schön ist dieser Begriffsvorschlag auch wegen der Nähe zu „Katarrh“ und „Kater“, womit einerseits die Entzündung der Atemwege des Anhangs durch lautstärkstes Äußern der Unzufriedenheit nach dem Fehlschuss, andererseits der allgemein einsetzende Zustand, nachdem die Stimme wegen Heiserkeit versagt, gemeint ist. Fest steht: Khalfans Trainer hatte im Gegensatz zum Kollegen Klopp gar nix zu lachen. Statt des sicheren 1:0 fiel später das 0:1 – Usbekistan kam dadurch ins Halbfinale der Asienspiele – und wohin der 18-jährige Unglücksrabe kommt, nun, das könnte eventuell ein Fall für „amnesty international“ werden…

Kuba und Khalfan befinden sich aber in bester Gesellschaft – und zwar in der des Kroaten Ilija Sivonjic, womit auch belegt wäre, dass es sich nicht um eine alphabetische Regelmäßigkeit handelt, nach der nur Spieler, deren Nachnamen mit K beginnt, vor dem Kasten für Krawall auf den Rängen sorgen können. Sivonjic hat das Handwerk des professionellen Toreversaubeutelns gewissermaßen zur Kunst erhoben, indem er einen Ball, der ohne sein Dazutun ziemlich sicher im Netz gelandet wäre, mit Hilfe eines kuriosen Spreizschrittes noch von der Torlinie kratzte. Hätte sich diese zweifelhafte Kür vor dem anderen Tor ereignet – man hätte von einer kunstvollen Abwehraktion gesprochen. So aber fanden die Fans von Dinamo Zagreb die Szene, die sich im Spiel gegen Cibalia Vinkovci ereignete, weniger lustig, und die Klubbosse sahen es ähnlich. Der Unglücksrabe wurde seitdem zwei Mal verliehen.

Die offensive Sonderdisziplin wurde hierzulande natürlich bereits 1986 von Frank Mill bekannt gemacht, der im Spiel bei den Bayern statt des leeren Tores nur den rechten Pfosten traf. Hinterher schob der Dortmunder Stürmer sein Missgeschick dem heraneilenden Keeper Jean-Marie Pfaff in die Schuhe, der ihn nervös gemacht habe. Doch ganz ehrlich, Frankie: Keine falsche Bescheidenheit… Das Ding gehört ganz allein dir! Wer den Angreifer damals allerdings bereits auf den Schuttabladeplatz der Bundesliga verfrachten wollte („Frank Müll“), der stellte bald fest, dass Mill noch einige gute Jahre vor sich hatte – und seine Ausnahmekarriere mit der Teilnahme an der WM 1990 in Italien (0 Spiele) krönte.

In England ist er eine kleine Berühmtheit. Vielleicht liegt es daran, dass viele Rocky Baptiste seines Namens wegen für einen Schwergewichtschampion aus der Karibik halten, vielleicht auch, weil der Mann aus London immerhin mal ein Pflichtspieltor für den AFC Wimbledon erzielt hat, dem Nachfolger des ehrwürdigen FC Wimbledon. Vielleicht aber auch schlicht deswegen, weil sich Baptiste in der Ruhmeshalle der „worst misses“ resp. „greatest mills“ seinen Platz gesichert hat. Statt aus kürzester Distanz locker einzuschieben, entschied sich der Stürmer für den Kracher per Bauernspann – und senste das Leder in Richtung Eckfahne. Kann man machen – jedenfalls, wenn man eine Berühmtheit in einschlägigen Online-Enzyklopädien und Videoportalen werde will…

Bild: YouTube

Autor: Fränck von Schleck

Fränck von Schleck ist in seiner Heimat eine veritable Legende. Als erster luxemburgischer Blogger überhaupt zog er aus, das gemütliche Kleinherzogtum im Herzen Europas in aller Fußballwelt bekannt zu machen. Der alte Spezi von Buli-Urgestein Jeff Strasser kann den nötigen Draht in die Beletage des internationalen Fußballs vorweisen. Oft angesprochen wird von Schleck auf die bizarren Umlautformationen in seinem Vornamen. Der uneheliche Sohn des bärbeißigen Alttrainers, Tee-Fau-Experten und Weizenanbauers Smudo L. wendete hierfür im Jahre 1994 die damals gültige Zweipunkteregel an. Der smarte Beneluchs wollte damit nach Insiderinformationen speziell in seiner Wahlheimat Berlin (Ost) günstig Sympathiepunkte hamstern. Die letzeburger Labertasche schreibt nach eigener Aussage über alles, was ihm unter die flinken Finger kommt. Saufkumpan Strasser rang ihm am Ende einer mehrtägigen Zechtour weiland das Versprechen ab, mit besonderer Inbrunst über den strauchelnden Pfälzer Traditionsverein zu berichten, bei dem Strasser einst beschäftigt war. Aber auch sonst gibt es kaum ein Thema, das vor der spitzen Feder von der Lützelburg sicher wäre.

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