Marky und die Holzhacker

amateur-fussballSonntags gehört Papa der Familie. Das ist natürlich totaler Quatsch. Sonntags gehört Vati ganz alleine dem Amateurfußball. Entweder als aktiver Knödel-Kalle oder als Kiebitz auf den meist zugigen Kunstrasenplätzen Berlins. Ein Erlebnisbericht.

Es ist Sonntag, 13 Uhr 30. Wir sind beim ortsansässigen TSC aus Friedenau. Herrlichstes herbstliches Blätterrauschen umgarnt das gar nicht mehr so frische Kunstgrün – Brandblasen gehören bekanntlich ebenso zum Belag wie gelenkschonender Quarzsand. Dicht an dicht drängen sich die quer durch alle Altersstrukturen vorhandenen Besucher nicht gerade, aber rund 100 werden es schon sein, die sich den feinen Kick im umzäunten Sportplatz an der Fehlerstraße gönnen. Zu Gast einer der Neulinge der Liga: Der BSC aus Borsigwalde. Und da sind sie auch schon, die wackeren 22.

Den Borsigwaldern sieht man direkt an, dass sie eher zum Holzhacken, denn zur Fußballzelebration taugen. Und so ganz taufrisch wirken die Recken aus dem Norden auch nicht. Die Kicker vom TSC bewegen sich derweil militärisch im Gleichschritt und machen die bekannten Übungen: Hopserlauf, Anfersen und dergleichen mehr.

Kurz vor dem Anpfiff brüllt der BSC-Kapitän (etwa 35-jähriger Jugo, der den Spielball praktischerweise unterm Trikot trägt) noch einmal die heutige Marschroute über den Platz: „Auf geht’s Männer, kämpfen!“ Aha.

Zwirbelflanken von der rechten Seite

Nach wenigen Sekunden ist klar, wer der Chef im Ring ist. Feines Kurzpassspiel der Friedenauer, angeführt vom etwas pummeligen, aber technisch versierten Capitano mit den blauen Plastetretern. Marky, die schnelle Nr. 23, kommt immer wieder über rechts und versucht sich an kecken Zwirbelflanken – meist vergebens. Nicht verlegen um diverse Schimpfwörter wird er von seinem Mitspieler „Sonne“ ermahnt, doch auch mal „sicher“ abzuspielen. Eine von den Großen der Fußballwelt bekannte, schnippische Geste beendet das einseitige Wortgefecht. Marky weiß einfach, dass er der Beste ist, so was muss er sich nicht antun und steht folglich nur noch gelangweilt rum.

Auf einmal aber langer Hafer aus der eigenen Hälfte und ein vollkommen verunglückter Schuss von Kampfschwein Klausi, Nr. 9 beim BSC, der irgendwie ins Tor trudelt. Unverhofft kommt oft, besonders in der Bezirksliga: Es steht 0:1. Wir am Seitenrand bekommen langsam Knast, und zum Glück ist gleich Halbzeit. Vorher nehmen wir aber noch ein kleines Wortgefecht zwischen Bumm-Bumm (Linksaußen) und dem Liri (knapp 80-jähriger Betreuer aus Borsigwalde) mit: „Ey bist du blind oder wat? Nie und nimmer ne janze Umdrehung.“ – „Spiel du lieber mal nen graden Ball du Blindfisch, wat bist du denn fürn Kloppskopp?“ So sieht’s aus, das sind Emotionen, ja Hass, hoffentlich aber kein Spielabbruch, wir haben immerhin 4 Euro 50 bezahlt.

Currywurstzeit!

Der Schiri pfeift, es ist Halbzeit – Currywurstzeit also, wie ich von meinem Nachbarn Ete höre, seines Zeichens wohl alteingesessener TSC-Hool (heute wegen Gelenkverschleiß nicht mehr aktiv).

Gut gestärkt geht’s ab in die zweiten 45. In der Halbzeit hat sich ein hochaufgeschossener blonder Jüngling, naja, sagen wir mal warm gemacht: Hüftsteif zweimal hinterm Tor auf und ab getrabt – fertichisdielaube.

Die Friedenauer kommen wie von der Tarantel gestochen aus der Kabine. Der Ausgleich liegt in der Luft, und da ist er auch schon. Haki, anscheinend die Kurzform für Hakan, gibt flach in den Strafraum, und die 11 trifft. Wechsel beim BSC: Neu im Spiel, der Blonde mit der 14. Sie nennen in Hesse. Bringt aber auch nix. Kurze Zeit später macht Marky nach feinem Dribbling aus 21 Metern das zwei zu eins und lässt sich feiern wie einst Lothar nach seinem Solo-Tor gegen Jugoslawien. Marky ist einfach der Beste – und das weiß er auch immer noch. In der Folge nur noch Krampf und Kampf.

Zum Glück hat sich inzwischen A.J. neben uns gesetzt. Er ist der verletzte Spaßmacher und Kabinenclown der Friedenauer und unterhält sich mit den Spielern der Zwoten. „Ja ne, ick weeß noch nisch. Addoktorn oder so wat. Gestern war ick schön Ollen schecken. Alter, schön acht Cubas rinjedreht.“ Anerkennendes Nicken der Kollegen.

Mit dem Außenrist ins Kreuzeck

Und jetzt Jubel auf der Seite der Holzhacker. Der lange Hesse mit dem rechten Außenrist ins Kreuzeck. Haben wir ihn unterschätzt? Beim Betrachten seines „Tortanzes“ wohl eher nicht. Kurz darauf dann der verfrühte Abpfiff. Auf dem Weg zum Ausgang erhaschen wir ein letztes Gespräch.

„Ey, wie heißtn eigentlich Hesse richtig?“ – „Keine Ahnung, aber krass, der hat heut‘ schon 90 Minuten Zweete gespielt!“

Bild: Flickr / Jeffhubbard

2 Gedanken zu „Marky und die Holzhacker“

  1. Kann ich noch toppen! Wer wirklich Spaß haben will, sollte sich einmal ein Spiel der 2. Frauen-Bundesliga Nord anschauen. Ich sag nur TeBe Berlin gegen BV Cloppenburg…ein Traum im Gefrierschrank!

  2. liebe sportsfreunde,

    einer der weltbesten artikel überhaupt. und in europa. ich bitte hiermit offiziell um eine wöchentliche rubrik: „sonntags in der bezirksklasse“.

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