kicker Sonderheft 2010/11: Worst of

kicker-sonderheft-2010Am Freitag startet die Saison mit der ersten DFB-Pokal-Hauptrunde. Eine Woche später rollt der Ball dann in den Bundesligastadien. Zeit für uns, einen Blick in die Mutter aller Fußball-Sonderausgaben zu werfen. Die Lektüre des kicker-Sonderhefts wird allerdings zur fiesen Fahrt auf der Sprachgeisterbahn. Anschnallen!

Sommerpause, der Ball ruht und die Gazetten berichten über Synchronschwimmen und Springreiten. Mühsame Versuche sich mit jeglichen Fußballmagazinen und Webseiten die wenigen Informationen des Sommerlochs in die nach Ballsport lechzenden Venen zu pumpen. Umso größer ist die Vorfreude, wenn der August beginnt und der Buli-Start näher rückt. Traditionell erscheint in diesen freudigen Tagen das kicker Bundesliga-Sonderheft. Früher von Mutti und Vati in den großen Ferien als Überraschung auf dem Frühstückstisch drapiert, kauft der Mann von Welt sich das gute Stück mit der Stecktabelle inzwischen selbst – aber immer noch und traditionell an der Tanke. Die ehemals unbändige Vorfreude auf die neuen Trikots ist durch vorzeitiges Zurschaustellen ebendieser an den letzten Spieltagen der Vorsaison mittlerweile ohnehin schon getrübt (was bei den Fans von Freiburg, K’lautern oder Bremen schon zu frühzeitiger Ernüchterung führte…)

Doch auch die Lektüre des Originals unter den Sonderheften ist nicht mehr das, was sie mal war. „Bling Bling“-Aufmachung und eine Pappmeisterschale können über die mangelnde Qualität der Berichte nicht hinwegtäuschen. Die meist merkwürdigen Startformationen lassen sich mit viel Wohlwollen ja gerade noch durch die Überschrift „So könnten sie spielen“ ertragen. Wenn aber ein Michael Ballack tatsächlich als „schwarzhaariger Beau“ vorgestellt wird und auf der kompletten rechten Doppelseite für ein Deo wirbt, bleibt einem das erste Mal die Spucke im Hals stecken. Dazu Sätze wie: „‘Micha komm zurück!‘ Er kam!“ Was für ein wortspielerisches Geschick, welch Dramatik. Wow.

Der Autor der BVB-Vorschau begnügte sich dagegen mit knackigem Product Placement à la Miles&More-Fußball“ und dem völlig neuen Vergleich eines Dauerläufers mit dem – na klar „Duracell-Hasen“ (Kevin Großkreutz). Das ist Journalismus im 21. Jahrhundert. Dass bei Wolfsburg die Uhren generell anders ticken, ist dagegen nichts Neues. Bei der Aussage, dass ausgerechnet Pierre „Litti Krummbein“ Littbarski den neuen Chefcoach Steve McLaren (kurz: SMc) übersetzen soll, fragt man sich dann doch, ob der Verfasser sich a) einen Scherz erlauben wollte, b) völlig ahnungslos ist, oder c) es der VfL ist, der jetzt komplett abdreht. Glücklicherweise überzeugt uns das fleißige Schreiberlein einige Zeilen später noch mit: „Teamspirit, Teambuilding, darauf kommt es ihm an. Das ist Fußballsprache.“ Ja sicher, na sicherlich. Wer kennt diese Begrifflichkeiten nicht auch einzig aus dem Fußball?

Den Überschriftenvogel schießt jedoch der Bericht über die SG Eintracht ab: Sirtaki am Main“ liest man da. Hut ab vor so viel Einfallsreichtum. Drei Griechen im Team = Sirtaki, Souflaki, Ouzo satt. Um das ganze abzurunden stehen die drei Hellenen Amanatidis, Tzavellas und Gekas dann auch passend auf großformatigem Foto und gleicher Pose über dem Beitrag. Tzavellas hat leider weniger Stil als seine Landsmänner. Wo Amanatidis und Gekas im lässigen Badelatschen-Look glänzen, trägt Georgios pomadige Laufschuhe – also wirklich…

Und nun ein kleines Rätsel: Auf welchen Verein könnte folgende Headline am Besten passen? Zurück zu den Wurzeln“. Richtig, es geht um die TSG 1899 Hoffenheim. Leider folgt keine Erklärung, was oder wo die Wurzeln der Kraichgauer eigentlich sein sollen. Ach nee, doch, die Wurzeln sind „ländlicher Standort“ und „sehenswerter Attacke-Fußball“. Stimmt, das ist es wofür Hoffenheim bekannt ist. Was ein Glück, dass es neben den Retortenvereinen Eintracht, HSV, Klautern etc. auch noch Vereine mit echten Wurzeln gibt in dieser besten Bundesliga aller Zeiten.

Und auch der kicker ist in Hochform. Während bei Gladbach in Zukunft „Igor, der Brasilianer aus Belgien“ die Fäden in der Hand hält, ist beim FC Kölle Schmalhans der Küchenmeister“. Und über links soll nach Ansicht der Edelfedern aus Nürnberg Fabrice Ehret, der DJ von Köln, die Seite rocken“. Aha. Nach dem Headliner 96 wie 54“ (Hannover Anm. d. Red.) folgt ein kecker Einsteiger, der des vollständigen Zitats bedarf:

Nein, Etikettenschwindel liegt nicht vor. Im weinroten – laut Ausrüster „kastanienbraunen“ – Outfit kommen die Spieler künftig meistens daher. Doch Hannover 96 „verpackt“ seine Mannschaft nicht nur neu, es steckt auch viel Neues drin. „Alte Ware“ wurde aus dem Sortiment genommen. Ladenhüter zum Teil, aber auch Kassenschlager vergangener Jahre.

Nun ja und nachdem etwas über Robert Enke und die nicht mehr auf jedem Trikot vorhanden 1 erzählt wurde, schließt sich der Satz „Weitere Führungsspieler verließen den Klub“ an. Ob man bei Enke über „Klub verlassen“ sprechen kann, bleibt fraglich. Das durch die Bank merkwürdige Niveau wird dann von einem locker flockigen Beitrag über den Club abgerundet. Passend zu diversen Filmvergleichen – „Crew, Premiere, Drehbuch, Hauptdarsteller“ – lautet die Überschrift „Bester Nebendarsteller, das wär’s!“ Fröhlich begleitet von Fotos in einem Filmstreifen und garniert mit dem goldenen Oscar.

Und weil Mauertaktik nicht Mauertaktik wäre, wenn wir dieses Niveau nicht mühelos aufgreifen könnten, hier unser Abspann der diesjährigen Verleihung des güllenen Entenkiels an das kicker Sportmagazin – die Dankesrede der Redaktion: „Oh wir sind sprachlos, damit hätten wir nicht gerechnet…*schnief* wir danken der Redaktion, dem ganzen Layout-Team, ääähm, den Autoren, dem Vertrieb… ähm… und allen, die wir noch vergessen haben. Danke, Danke, Danke!“

Dem schließen wir uns an. Danke. Für nichts.

10 Gedanken zu „kicker Sonderheft 2010/11: Worst of“

  1. Wenn die Trikots vom HSV 96 jetzt tatsächlich „kastanienbraun“ sind, was wird dann aus der Textzeile: „rot steht dir besser als gelb-blau“ im Vereinslied? Wie man nur so seine Seele an den Ausrüster verkaufen kann…

  2. Und zu Hoffenheim hätte ich noch eine Frage: wenn die jetzt wirklich „zu ihren Wurzeln zurück wollen“, dann könnten Herr Hopp und Konsorten ja vielleicht auch endlich einmal offiziell verkünden, was denn die Vereinshymne der TSG ist? Meines Erachtens ist das der einzige Buli-Club, der so etwas nicht besitzt – wenn wir jetzt einmal vom Gassenhauer „Hurra, Hurra, das ganze Dorf ist da!“ absehen!

  3. naja Kastanienbraun steht dir besser als gelb blau klingt doof…
    mein Vorschlage: 2.Liga steht dir besser als 1.Liga.
    reimt sich zwar nich, is aber wahr

  4. @wasendiego:
    Hoffenheim hat sich pünktlich zum zweiten Jahr der BL-Zugehörigkeit ein Vereinslied komponieren lassen. „Wir sind Hoffe“. Es ist aber nur ein Gerücht, dass das Lied auf ein traditional aus dem Jahr 1899 zurückgeht.

  5. Genau! Jetzt kann ich mein Geheimnis endlich lüften: ich bin der neue Niedersachsen-Diego vom VfL Wolfsburg! :-)

  6. Und Glückwünsche für den nächsten guten Transfer Herr Schleck! Der Clemens Walch, den ihr da heute von uns bekommen habt, ist wirklich kein ganz schlechter. Noch bisschen zu ballverliebt, aber schnell und technisch wirklich klasse! So langsam glaube ich an euren Klassenerhalt…

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