Totgesagte sterben länger

berliner-fernsehturmSchlusslicht Hertha BSC verlängerte am Sonntag das Leiden seiner treuen Anhänger und mischte ein kleines Senfkorn Hoffnung in den gigantischen Mustopf an Trostlosigkeit. Gibt das 5:1 in Wolfsburg Anlass zu Optimismus? Mauertaktik macht die Bestandsaufnahme.

Eins vorweg: Sollten die Berliner am Ende tatsächlich absteigen, dürften sich in Anbetracht des Kantersiegs beim Meister noch mehr Leute als ohnehin schon darüber kaputt lachen. Zweitens: Hertha kann Tore schießen, ja hat sogar Torjäger in seinen Reihen! Fanis Gekas leistete mit drei Toren im Gerd-Müller-Format einen größeren Beitrag zur deutschgriechischen Aussöhnung als die Wiedereinführung der Drachme – und Gustaf Ramos flogen die Bälle in der VW-Arena vor die Füße wie das Glück einem Entenhausener Erpel.

Wie platt war Wolfsburg?

Ein Sieg, der auch viele Fragen hinterließ: Wie platt war Wolfsburg? (Mauertaktik-Schätzung: In etwa so wie ein Einstiegsgag von Mario Barth.) Wie viel ist der Sieg wert? (Mauertaktik-Schätzung: Circa drei Punkte.) Und: Geht jetzt noch was nach oben? (Mauertaktik-Schätzung: UI-Cup ist drin.)

Aber Obacht, liebe Hertha! Denn Käpt’n Friedrich spielt im eigenen Sechzehner weiter sein lustiges Maulwurfspiel (Der mit den meisten Tunneln gewinnt) und ist dabei auf dem besten Weg zum Endsieg, trat aber – um der Fairness Genüge zu tun – auch als Spieleröffner auf den Plan, eine Rolle, die man von Querpass-Arne bislang nicht kannte.

Es war dies bereits der dritte Auswärtssieg der Rückrunde. Nicht einmal die Bayern haben nach der Winterpause so viele Dreier auf fremden Terrain eingebracht. Dieser beachtlichen Leistung steht eine nicht minder beachtliche Serie gegenüber: So gerne die Hertha 2010 in der Ferne obsiegt, so ungern näht die alte Dame den Dreierpack in ihrer Heimstatt in die Matratze. Datum des letzten Heimsiegs: 8.8. Wäre die Hertha eine politische Partei, wäre längst bereits der Verfassungsschutz auf den Plan getreten. So aber muss selbst die DFL dem Grauen tatenlos zusehen.

Patentrezept: Spieler würgen!

Sicherlich sind während dieser absurd dimensionierten Leidenszeit Hertha-Manager Michael Preetz ähnliche Gedanken durch den Kopf gegangen wie seinem ehemaligen Kollegen von 1860 München, Karlheinz Wildmoser, der seinen Gefühlen einst solcherart Luft verschaffte: „Am liebsten würde ich die Spieler würgen, aber wir brauchen sie ja noch.“

In der Rückrunde holte Hertha 12 Punkte aus 10 Spielen – das ist nur ein Zähler weniger als der Hamburger SV. Eine Gleichung wie aus dem Milchmädchenreport, denn da wären noch zwei Posten, die das Gesamtbild leicht trüben: Hinrundenausbeute (6 Pünktchen) und Restprogramm (Dortmundstuttgartschalkeleverkusenbayern u.a.). Hmmmm…

Das Jahr der Groteske

Es passt zu dieser Saison, die grotesker ist als ein Monthy-Python-Streifen, dass die Berliner zu allem Überfluss auch noch in der Europa League überwintern durften. Dies ist weniger der absoluten Vormachtstellung des deutschen Fußballs in Europa zuzuschreiben als vielmehr der Tatsache, dass die Mannschaft das machte, was sie in der Bundesliga seit gut sieben Monaten nicht mehr vermocht hat: Sie gewann ein Heimspiel.

Nach dem tollen Comeback in der VW-Stadt schielt manch einer schon nach ganz oben. Gut, bei 35 Punkten Rückstand auf einen Champions-League-Platz müsste schon Wasser zu Wein werden, aber machen wir uns nichts vor: Verwundern würde es bei dieser Hertha keinen, wenn es irgendwie doch noch klappt mit dem internationalen Geschäft. Vielleicht kommt für die letzten Spiele Voronin.

Abschließend ein Blick voraus, der leider wenig Anlass zu Gelassenheit bietet. Die letzten drei Gegner der laufenden Spielzeit lauten Schalke, Leverkusen und Bayern. Was noch viel schlimmer ist: Zwei der drei Partien werden im Berliner Olympiastadion ausgetragen.

Bild: Flickr / _Tophee_

Autor: Fränck von Schleck

Fränck von Schleck ist in seiner Heimat eine veritable Legende. Als erster luxemburgischer Blogger überhaupt zog er aus, das gemütliche Kleinherzogtum im Herzen Europas in aller Fußballwelt bekannt zu machen. Der alte Spezi von Buli-Urgestein Jeff Strasser kann den nötigen Draht in die Beletage des internationalen Fußballs vorweisen. Oft angesprochen wird von Schleck auf die bizarren Umlautformationen in seinem Vornamen. Der uneheliche Sohn des bärbeißigen Alttrainers, Tee-Fau-Experten und Weizenanbauers Smudo L. wendete hierfür im Jahre 1994 die damals gültige Zweipunkteregel an. Der smarte Beneluchs wollte damit nach Insiderinformationen speziell in seiner Wahlheimat Berlin (Ost) günstig Sympathiepunkte hamstern. Die letzeburger Labertasche schreibt nach eigener Aussage über alles, was ihm unter die flinken Finger kommt. Saufkumpan Strasser rang ihm am Ende einer mehrtägigen Zechtour weiland das Versprechen ab, mit besonderer Inbrunst über den strauchelnden Pfälzer Traditionsverein zu berichten, bei dem Strasser einst beschäftigt war. Aber auch sonst gibt es kaum ein Thema, das vor der spitzen Feder von der Lützelburg sicher wäre.

4 Gedanken zu „Totgesagte sterben länger“

  1. Ich sehe das nicht so schwarz für die Hertha. Bei den kommenden Heimpartien werden bei dem mickrigen Fanpotential in Berlin sowieso immer mehr Gästefans im Stadion sein, als Anhänger von der Hertha. Von daher könnte es bei den restlichen sieben Auswärtsspielen tatsächlich noch mit dem Wunder klappen. Nur die drei Punkte gegen VfB sind leider eher utopisch… 😉

  2. Echt? Da muss selbst ich als kein besonders großer Fan der Hertha sagen: geile Aktion des Hertha-Blocks! „Hoeneß raus“ – ick schmeiß mir weg! :-)

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