Quo vadis, alte Dame? Ein Abgesang.

alte-dameInnert eines Dreivierteljahrs alterte die jute Hertha um gefühlte 100 Jahre. Die Gründe sind hausgemacht, findet Ritschie K. Ein Trauerlied eines Fans.

Man kennt das ja: An sich selbst, den Eltern und Großeltern ist der stetige zeitliche Verfall, die Abnahme der Leistungsfähigkeit zu beobachten. Doch was der lieben Hertha im letzten Dreivierteljahr an rapidem Leistungverfall zugestoßen ist, hat man bisher recht selten erlebt. Von der rüstigen Tante wurde die jute Hertha in neun Monaten zur tattrigen Oma.

2009: Polyvalenz pur!

Wer erinnert sich nicht an die grandiose Saison des letzten Jahres? Bis kurz vor dem Saisonende Meisterschaftskandidat, ein Team, das wirklich polyvalent zu sein schien (was immer das hieß), Effizienz pur. Und im Rücken eine Großstadt, die nur so lechzte nach sportlichem Erfolg. Denn neben den Serienmeistern Alba und Eisbären darben die Fußballsehnsüchte nur so vor sich hin in der Weltmetropole an der Spree. Mit atziger Unterstützung schien im Sommer alles möglich. Manch einer träumte schon von goldenen Zeiten, Meistertiteln, regelmäßiger Champions-League-Teilnahme und Dutzenden Fußballvirtuosen an der Spree… Daraus wurde bekanntlich nichts.

Stattdessen Abstiegsk(r)ampf!

Doch bei näherer Betrachtung erscheint der rasante Niedergang nicht wie ein zufälliges Ausbleiben guter Ergebnisse oder als oft bemühter negativer Lauf. Im Fußball ist bei ausbleibenden Siegen schnell die Rede von Pech, Schiedsrichterfehlentscheidungen oder Verletzungen. All das trifft auf Hertha BSC 2010 in keiner Weise zu. Wir haben es schlicht (wieder einmal) mit einer katastrophalen Kaderplanung zu tun.

Neue Besen kehren schlecht

Viele im Umfeld hatten gehofft, dass mit der Entmachtung von Hoeneß ein neuer Stil einkehrt. Das ist auch der Fall – leider kein besserer. Die Entscheidung mit Lucien Favre einen Trainer aus der Schweizer Käseliga zu holen, erschien zunächst mutig und durchaus von Erfolg gekrönt. Bekannt war, dass Favre Spieler zur Weiterentwicklung bringen kann, dass er ein System hat, das nicht schnell eintrainiert werden kann, letztlich aber bis dato immer von Erfolg gekrönt war. Doch was die Herren aus der sportlichen Leitung im Gegensatz zu jedem x-beliebigen Fan der Ostkurve, Gegengerade oder Oberring nicht sehen wollten, war, dass man mit Voronin, Simunic und Pantelic die unumstrittenen sportlichen Führungspersonen ziehen ließ, ohne nennenswerten Ersatz zu verpflichten.

Der Rest des Teams hatte in der Vorsaison absolut am obersten Limit gekickt und wie von Geisterhand gelenkt jedes knappe Spiel mit einem Tor Vorsprung für sich entscheiden können. Und anstatt in der Winterpause auf diese sportliche Misere zu reagieren, indem man drei, vier Klassespieler verpflichtet, wurde ein lahmer Riese von Sparta Prag, ein abseitssüchtiger Grieche und ein seit jeher mittelmäßiger Linksverteidiger verpflichtet. Und die Geschicke des Teams sollte nach der Entlassung von Monsieur Favre die schillernde Persönlichkeit Friedhelm Funkel übernehmen. Dazu fällt mir nur ein Wort ein: Grotesk.

Wanted: Motivator!

Dieses verunsicherte Team hätte stattdessen einen Motivator benötigt, einen dynamischen, innovativen Coach und möglicherweise ein zeitweise aufbrausendes Rumpelstilzchen an der Seitenlinie. Aber mit der Kaderplanung und der Entscheidung für Funkel war der sportliche Weg vorbestimmt.

Das alles gipfelte am vergangenen Wochenende in der durch und durch unnötigen Niederlage gegen den ersten Fußballclub Nürnberg, seines Zeichens auch würdiger Teilnehmer des Abstiegskampfs. Hätte das Team doch nur die ganze Saison mit so viel Leidenschaft und Willen gespielt wie in den ersten 45 Minuten – diese Zeilen hätten sich erübrigt. Leider zeigte sich in dieser (und einzig in dieser) Partie das bitterböse Gesicht des Fußballgottes. Ein griechischer Halbgott, dem sprichwörtlich die Kacke anne Füße klebte, durfte die alternde Dame um sportlich indisponierte Friedrichs, Kacars und Piszczeks zum Altersruhesitz geleiten.

Gerechte Bestrafung gegen Nürnberg

Wie das olle Sprichwort besagt: Wenn man seine Chancen nicht nutzt, wird das bestraft. Dass es bis zur 93. Minute dauerte, fällt dabei nicht ins Gewicht und erscheint vielmehr als gerechte Bestrafung für einen Verein, der inzwischen nicht nur in der ganzen Republik unbeliebt ist, sondern seinen Kredit bei den eigenen Fans zunehmend aufbraucht.

Man kann den Verantwortlichen nur eines Wünschen: Öffnet die Augen, seht der Realität ins Gesicht und beginnt mit der Kaderplanung für die zwote Liga! Und das alles am Besten noch mit jungen hungrigen Spielern aus der Hauptstadt, die nicht nur bei jedem x-beliebigen Tor das Wappen auf dem Jersey küssen, sondern denen der Verein wirklich etwas bedeutet. So wie uns Fans.

11 Gedanken zu „Quo vadis, alte Dame? Ein Abgesang.“

  1. Verfolge die Seite hier sehr regelmäßig! Immer wieder nette, lustige Berichte. Dieser ist, auch wenn es immer einfacher hinten raus Dinge zu sehen ist, mal ein sehr ernster und gut geschriebener. Leute, Berlin hat einen starken und sympatischen Fussballverein verdient. Alles was die Hertha schon lange nicht mehr ist. Zu hoffen ist, daß die (neuen?) Entscheidungsträger die zweite Liga als Chance sehen und einen kompletten Neuaufbau einleiten. Frankfurt (Dank Bruchhagen) oder jetzt auch Kaiserslautern sollten da als gute Beispiele dienen. Ich drücke vor allem den Fans aus der Haupstadt die Daumen. Sie haben wahrlich besseres als diesen Mist verdient. Auf ein Wiedersehen in den nächsten Jahren in der besten, spannendsten 1. Liga der Welt…

  2. Merci für die lobenden Worte!

    Ich stimme Dir zu: Hertha gehört in die 1. Liga, schon alleine mit diesem Fanpontenzial und weil die Hauptstadt einen großen Erstligaklub braucht.

    Lautern ist sicherlich ein gutes Beispiel, wobei es auch als warnendes Signal gelten sollte, denn man hat gesehen, wie schnell es auch ganz nach unten, in die komplette Bedeutungslosigkeit gehen kann. Bei Lautern ging es gut, Karlsruhe erwischte es damals noch härter, der Klub tut sich nach wie vor schwer.

    Vielleicht sollte die Hertha-Führung auch strukturell / personell dem Vorbild von Stefan Kuntz folgen, der in den letzten Monaten immer mehr alte Spieler in die Vereinsarbeit einbindet (Ratinho, Haber u.a.). Ich weiß, dass es bei Hertha einige alte Spieler gibt, die derzeit die Faust in der Tasche ballen, dass sie nicht mithelfen dürfen und die teilweise auch über sehr gute Kompetenzen verfügen (Scouting etc). Die müsste man m. E. einbinden – und damit auch den Zusammenhalt mit der Basis wieder stärken.

  3. Der Hertha fällt jetzt die eigene Grossmäuligkeit vor die Füsse. Die Berliner haben nie guten Fussball gespielt, auch nicht, als sie im letzten Jahr ziemlich weit oben in der Tabelle standen. Das Prinzip der blauweissen Unsympathen war immer: grosse Klappe – nüscht dahinter. Wer in Berlin ein echter Fussballfan ist, der geht zu Union.

  4. Kowalczuk, da muss ich dir widersprechen. Das Image des Berliners mit der großen Klappe hat damals Dieter Hoeneß nach der dersten CL Teilnahme geschaffen.

    Spätestens seit Favre und des massiven Sparkurses ist wieder der Realismus auch eingekehrt. Du brauchst dir nur die Saisonziele der letzten Jahre anzuschauen. Da hieß es man wolle einen einstelligen Tabellenplatz erreichen oder mit etwas Glück um den fünften Platz mitspielen.

    Ich frage mich wie sich diese Auffassung gegenüber Hertha nur so fest manifestieren konnte. Wenn andere Vereine ambitionierte Saisonziele haben, dann wird ihnen das positiv ausgelegt.
    Wahrscheinlich ist es der pure Neid und missgunst gegenüber einer Metropole wie Berlin.

  5. @kowalczuk:

    Große Klappe gehört nun mal zu Berlin wie die Spree, der Funkturm, das Brandenburger Tor etc. Ich freue mich über die Diskussion, muss allerdings auch zugeben, dass die Bemerkung echter Fußbalfan geht zu Union meines Erachtens nach ziemlich unbrauchbar ist. Was hat Union mit Hertha zu tun. und wieso echter Fußballfan?? Und keine Ahnung wie lange du schon Union Fan bist, aber auf diesen Zug springen natürlich jetzt bei Erfolg auch gerne viele Leute auf und bemühen die Tradition und Fußballkultur des Vereins. Meiner Meinung nach ist jeder Fan, der sich intensiv mit einem Verein beschäftigt und im Rahmen seines Willens mitleidet!
    Ein Verein, der seit Jahren im Schnitt 48.000Zuschauer hat, ein riesiges Potential im gesamten Umland und infrastrukturell alle Möglichkeiten gehört einfach in die erste Liga. Aber sicherlich mit Konzept, Fannähe, symphatischen Spielern etc.
    P.S.: Ich glaube es war eine der größten Fehlentscheidungen, dass Hertha kein neues kleineres Stadion gebaut hat.

  6. Der Abstieg der Hertha ist schon deswegen schade, weil nun der HSV nicht mehr zum Auswärtsspiel nach Berlin kommt.
    Aber mal Scherz beiseite: Ich denke auch, dass der Hauptstadtklub eigentlich in die Bundesliga gehört, aber wenn die Punkte fehlen…
    Goodbye Hertha.

  7. Die Hertha muss bleiben. Die Eintracht konnte nämlich bei 2 der letzen 3 Auswärtsspielen in Berlin siegen. BÄMM!

    Und mit Funkel habt ihr euch ja wohl selbst ins Bein geschossen.

  8. würde mir einen babbel as trainer wünschen. der ist mittlerweile abgehärtet und kennt das geschäft, hat bald seinen trainerschein, war ein guter fußballer, der sicher mit jungen wilden als auch mit diven umgehen kann.

  9. 1-5 heute, überragend, aber so muss es eben weiter gehen wenn es klappen soll…

  10. OWNED!!!
    HA HO HE HERTHA BSC!

    Ab jetzt läuft die Zusammenfassung jeden Tag in der Schleife (habs ausgenommen).
    Wenns nicht klappt mit dem unmöglichen – nicht so schlimm.

    Hertha BSC wird es immer sein. Hertha BSC heisst unser Verein.

    Ich freue mich auf 0,5% Hoffnung in den letzten Wochen.

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