Back to the roots

Jens_LehmannEr ist Wahnsinn, er ist Genie. Wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde ist er einfach Doktor Jens und Herr Lehmann.
Die Bundesliga hält an diesem Spieltag einmal mehr ein besonderes Leckerli parat. Heute Abend trifft der VfB Stuttgart in Gelsenkirchen auf den FC Schalke, Jens Lehmann kehrt in seiner Abschiedssaison (wahrscheinlich) zum letzten Mal also dorthin zurück, wo für ihn alles begann. Mauertaktik kommt einfach mal mit.

Es war in einer Zeit, die weit, weit weg ist. Schalke spielte in der zweiten Liga, David Hasselhoffs „Looking for freedom“ dominierte die deutschen Singlecharts und Helmut Kohl träumte von einer Welt samt „blühenden Landschaften“. Es war die Zeit, in der ein junger Mann aus Essen, der aus lauter Naivität damals noch volles Haar trug, im Schalker Tor und am Anfang seiner Karriere stand. In der Saison 1988/89 begann der damals 19jährige Jens Lehmann in Liga 2 auf Schalke, wurde gleich in der ersten Saison zwischenzeitlich Stammtorhüter, machte dann aber doch lieber sein Abitur, als seine Zeit mit völlig sinnfreien Zweitligaspielen gegen den SV Meppen oder den FC 08 Homburg zu verplempern.

Als Schalke ein paar Jahre später wieder erstklassig spielt, will der ehrgeizige Jung-Abiturient nicht nur die Nummer Eins sein, sondern auch Chef der Mannschaft werden, wird vom damaligen Trainer Jörg Berger (heute Ehrenvorsitzender der Freiwilligen Feuerwehr Bielefeld) aber rüde ausgebremst und nach einem 0:3-Pausenstand mit den Worten „Wir sehen uns morgen“ ausgewechselt. Lehmann, der zu diesem frühen Zeitpunkt seiner Laufbahn weder Auto noch Hubschrauber besitzt, „borgt“ sich Geld von einem Fan und fährt mit der S-Bahn nach Hause. Er schwört sich, dass das die letzte Demütigung seines Lebens ist und arbeitet seitdem härter denn je an seiner Karriere und an sich und beides mehrmals täglich. Der Mühen Lohn erhält Lehmann im Jahr 1997: Erst führt er Schalke zum Gewinn des Uefa-Cups nach Sieg im Elfmeterschießen gegen Inter Mailand, dann macht er sich wenige Monate in der Saison 1997/98 in Gelsenkirchen endgültig unsterblich und köpft im Revierderby gegen Dortmund in der Nachspielzeit den 2:2-Ausgleich. Wahnsinn.

Genie und Wahnsinn oder auch Jens und Lehmann

Nach halbjährigem Gastspiel in Milan kehrt der verlorene Jens in die Bundesliga zu Borussia Dortmund zurück, wird dort aber nie glücklich und wagt 2003 erneut den Schritt ins Ausland, genauer nach London, England, zu Arsenal. Bei den Gunners entwickelt sich der 33-Jährige auf dem schmalen Grat zwischen Genie und Wahnsinn zum Weltklassetorhüter und verdrängt Oliver Kahn pünktlich zur Heim-WM 2006 aus dem Kasten der deutschen Nationalmannschaft. Legendär der Elfmeterkrimi gegen Argentinien, woraufhin sich ganz Deutschland nicht nur in den Armen liegt, sondern auch panikartig für viel zu viel Geld handbekritzelte Notizzettel im Internet ersteigert.

Doch was soll’s, Jens Lehmann hatte sich bei allen Fußballfans einen Kredit erspielt, den er nun seit knapp vier Jahren fleißig verzockt. Müsste man den exzentrischen Tonsurträger eigentlich für die Kreativität seiner Aussetzer loben, bleibt unterm Strich doch hauptsächlich Fremdscham. Ein alter Mann, dem man etwas durchgehen lässt in der Gewissheit, dass Streiten mit Greisen zwecklos ist, und im Wissen, dass das Ende absehbar ist. Doch ob gerade dieser letzte Punkt überhaupt irgendwann eintritt, ist durch die jüngsten Äußerungen Lehmanns äußerst fragwürdig geworden. Schließlich sei er, so Lehmann, in Hinsicht auf die WM 2010 der perfekte Kandidat und meint das auch tatsächlich ernst. Zum Schaden und Ärger der echten Nationaltorhüter übrigens.

So hat sich innerhalb der gut zwanzig Jahre einiges verändert: Schalke spielt um die Meisterschaft, David Hasselhoff singt nicht mehr, sondern lallt nur noch und Kohls blühende Landschaften sehen auch eher trübe aus. Doch eine Sache ist noch wie damals: Jens Lehmann denkt, er steht am Anfang seiner Karriere.

(Bild: commons.wikimedia.org/wiki/File:Jens_Lehmann.JPG)

7 Gedanken zu „Back to the roots“

  1. Werter Herr Nuta: von mir als VfB-Fan ein großes Lob! Wirklich ein sehr gelungener Artikel zum Start ins Wochenende!

  2. der oppa is wirklich nich mehr ganz frisch,
    nich nur im kopp.

    Neuer wird die Nr 1.

    3:1 für die Knappen

    Glück auf

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