Spitz, lass nach!

Südamerika – ein Kontinent, vernarrt in Fußball… und Spitznamen. Mauertaktik präsentiert, was herauskommt, wenn man beides vermischt.

Der Fußballplatz wird gelegentlich von Besuchern aus dem Tierreich heimgesucht. Kleine Eichhörnchen, die unter feinstem englischen Rasen ihre letzten Nüsse suchen, Schäferhunde, die missglückte Flügelläufe mit einem beherzten Biss in den Allerwertesten quittieren oder auch flinke Entlein, die sich selbst den Reflexen eines Sepp Maier entziehen… Hierzulande sind die Besucher in aller Regel auch tatsächlich in der Fauna beheimatet. In Südamerika dagegen, in den Ligen von Feuerland bis Neumexiko, wimmelt es nur so von Tieren, Königen, Fortbewegungsmitteln – und sogar Göttern. America del súr – das Mauertaktik-Spitznamen-Quartett…

Mit Leichtigkeit und Unbekümmertheit hat René Higuita jahrelang das Tor der Selleccion von Kolumbien mehr oder weniger sauber gehalten und sich durch seine Eskapaden nicht nur seinen Platz in den Annalen, sondern auch auf ewig seinen Spitznamen verdient: „El Loco“, zu Deutsch etwa: Der Beknackte, Behämmerte, Beklopste. Im Mittelfeld macht der lustige Clown Pablo Aimar seine Faxen. Seine Fans rufen ihn deswegen liebevoll „El Payaso“, was wohl weniger auf seine ulkige Spielweise, sondern vielmehr auf seine wundervoll lockige Haarpracht zurückzuführen ist, mit der er nicht nur an Fast-Food-Maskottchen und Simpsons-Kasper erinnert.

Mit einem sonderlich üppigen Haarhelm kann Aimars Nebenmann Juan Sebastián Veron nicht aufwarten. Veron gleicht seine mangelnde Kopfbehaarung durch zauberhafte Pässe aus und wird daher völlig zurecht „La Bruja“, die Hexe, gerufen. Wenn man jedoch den Geburtsort des Argentiniers und seinen glänzenden Schädel in Betracht zieht sowie gleichzeitig jegliche Sprachkenntnisse über Bord wirft, hätte der barhäuptige Gaucho durchaus auch „La Plata“ heißen können.

Im Angriff unserer virtuellen Zirkustruppe wirbeln und zelebrieren verschiedenste Spezies: Unfassbar für seine Gegenspieler und mit einem unglaublichen Riecher für Möhrchen und tolle Tore ausgestattet ist der Wirbelwind Javier Saviola, genannt „El conechito“, das kleine (!) Häschen. Neben ihm spielt – wenn einmal in Bewegung nicht mehr zu stoppen – Adolfo „El Tren“ Valencia. Unerfahrenen Südamerika-Reisenden sei vorab noch einmal erklärt, dass Züge auf der anderen Seite des großen Teichs anscheinend mit anderem Kraftstoff betrieben werden als hierzulande. Nur so ist die Leistungsimplosion des baumlangen Angreifers während seiner Zeit beim FC Beijrn (zur Etymologie siehe auch 11FREUNDE: „Der Äff Z’bäijen“) zu erklären. Außerdem scheinen gewisse historisch vorbelastete Vornamen – anders als hierzulande – im Nazi-Refugium Südamerika noch immer salonfähig zu sein.

Das Offensiv-Trio wird komplettiert von einer imaginären Figur aus der Feder vom großen Walt Disney: Gabriel Batistuta trägt in seiner Heimat entgegen seines europäischen Spitznamens „Batigol“ die Bezeichung „El rey leon“ (freie Assoziationen mit Jean Reno sind unangebracht). Über allen thront, wie soll es anders sein, „El D10s“, der argentinische Fußballgott, der mit beeindruckender Technik, scharfer Zunge und feinem Näschen die Welt regiert.

Man stelle sich solch schillernde Spitznamen in Deutschland vor! Gesagt – getan: Libero im deutschen Apodo-Team spielt der Altinternationale Jens „El Barril“ Nowotny. Seine Spezialität: hohe Bälle mit der Plauze stoppen und Langsamkeitsrekorde aufstellen. Hinter ihm hütet „Padre Bennedictino“ Jens Lehmann das Tor. Anders als Aimar bekommt er seinen Spitznamen lediglich durch seine Haarpracht, da er durch seine Leistungen auf und neben dem Fußballplatz eben jenem seinen Namen streitig machen würde.

Innerhalb der Redaktion gab es zum nun folgenden Abwehrrecken nicht nur in der perfekten Übersetzung heftige Streitigkeiten. Man einigte sich gütlich, dass Per Mertesacker sowohl den Spitznamen „El Pulpo“, die Krake, als auch „El oso explico“ (frei: Erklärpär) erhält.

Regelmäßigen Mauertaktik-Lesern wird der folgende Spieler und sein lateinamerikanisches Alter-Ego bestens bekannt sein. Es handelt sich um keinen geringeren als den ehemaligen Hoffnungsträger der Nation und heutigen Schwermutsstürmer, genannt „El chico triste“. Trainer der Auswahl ist der Gott des Taktiktischs und Freund dionysischer Erquickungen Udo „El Calimocho“ Lattek.

Zum Ende noch ein kleiner Tipp an die sportliche Leitung vom grauen Mäuschen aus Hannover: Anstatt auf zweitklassige Ivorer zu setzen, empfehlen wir die Verpflichtung von Marvin Gonzalez. Denn eins ist sicher, Eingewöhnungszeit braucht „El Autogol“ im Selbsttorparadies Niedersachsens sicher nicht…

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