Der Marathon-Mann

matthauesHeute vor 16 Jahren gastierte Brasilien für ein Spiel in Deutschland. Stars auf beiden Seiten, doch alles drehte sich an diesem Abend um eine Person: Lothar Matthäus.

Auf der Titelseite des DFB-Stadionhefts ist der Kapitän der deutschen Mannschaft in herrischer Pose abgebildet. Das Gesicht vor Anstrengung gerötet, der Mund zum Befehlston geöffnet, der rechte Arm lang ausgestreckt. Mit dem Zeigefinger deutet Lothar Matthäus… ja wohin eigentlich? In die Zukunft wohl, vielleicht nur in die unmittelbare, die nächste Spielsituation, vielleicht auch in die fernere, seine eigene Zukunft im Trikot der Nationalmannschaft, das er nach diesem Spiel noch 46 weitere Male tragen wird.

Kommandeur und Dirigent

Lothar Matthäus als Kommandeur und Dirigent also ziert den Titel von »DFB Aktuell«, dem Begleitheft zum Länderspiel Deutschland gegen Brasilien. Das achte Spiel der deutschen Elf im Jahr 1993, alles in allem ein durchweg unbedeutendes, wie letztlich alle Partien dieses Kalenderjahres, das für den Weltmeister von 1990 nur Freundschaftsbegegnungen bereit hält – für die WM in den USA ist man als Titelverteidiger bereits qualifiziert.

Seine Bedeutung gewinnt das Aufeinandertreffen der großen Fußballnationen durch ein Jubiläum. Für den Titelhelden der DFB-Postille ist es ein Meilenstein, nicht umsonst ziert die deutsche Nummer 10 ausgerechnet diese Ausgabe. Matthäus bestreitet an jenem Abend im Müngersdorfer Stadion in Köln sein 104. Länderspiel. Damit wird er alleiniger Rekordhalter, und damit – viel eindrücklicher – hat er Franz Beckenbauer überflügelt. Den Kaiser, die Lichtgestalt, wie ihn alle so gerne nennen, den Ehrenspielführer der Nationalmannschaft (auch Matthäus wird diese Ehre noch zuteil werden).

Mit Klinsmann und Kohler werden noch zwei weitere Spieler an Franz Beckenbauer vorbei ziehen, zwei weitere Spieler aus der Weltmeistermannschaft von Rom, deren Mitglieder sich so schwer tun mit dem Aufhören.

Matthäus tritt einfach nicht zurück

Matthäus ist dafür das beste Beispiel. Beim Spiel gegen Brasilien ist er schon 32, schön und gut, die Weltmeisterschaft in den USA steht an, doch auch danach macht er weiter, einfach immer weiter, spielt noch die WM 1998 und dann auch noch das Desasterturnier in Holland und Belgien. Er spielt weiter, tritt einfach nicht zurück, unfassbare sieben Jahre lang, absolviert unfassbare 46 weitere Partien, um dann mit seinem 150. Länderspiel, dem unterirdischen 0:3 gegen Portugal am 20. Juni 2000 seine Laufbahn endlich zu beenden.

Zehn Jahre ist da der Triumph von Rom schon her, das I-Tüpfelchen auf dem Turnier, bei dem Matthäus so dominant war wie nie vorher oder später. In der folgenden Dekade bieten sich viele Anlässe, einen würdevollen Abschied zu finden. Der ausgeleierte Spruch vom Aufhören, wenn es am Schönsten ist, war nicht Matthäus’ Sache. Er hörte stattdessen auf, als es beim besten Willen nicht mehr weiterging.

Die Elf von Rom spielt weiter

Im November 1993 in Köln-Müngersdorf geht es noch ganz gut. Matthäus gibt den umsichtigen Libero. Für Brasilien laufen zwar nicht die Superstars Romario und Bebeto auf, dafür immerhin die drei Deutschland-Legionäre Dunga, Jorginho und Paulo Sergio.

Der Jubilar seinerseits führt vor 51.000 Zuschauern viele alte Weggefährten aufs Feld: Illgner, Kohler, Buchwald, Häßler, Brehme, Riedle und Klinsmann – fast scheint es, als wolle die Elf von Rom einfach immer weiterspielen. Das 1:0 erzielt dann auch passenderweise der in Italien zum »Diego« geadelte Buchwald.

Am Ende des Abends steht ein 2:1-Sieg für die deutsche Auwahl. Und Franz Beckenbauer hat seinen Rekord verloren.

Bild: Flickr / davidden

Autor: Fränck von Schleck

Fränck von Schleck ist in seiner Heimat eine veritable Legende. Als erster luxemburgischer Blogger überhaupt zog er aus, das gemütliche Kleinherzogtum im Herzen Europas in aller Fußballwelt bekannt zu machen. Der alte Spezi von Buli-Urgestein Jeff Strasser kann den nötigen Draht in die Beletage des internationalen Fußballs vorweisen. Oft angesprochen wird von Schleck auf die bizarren Umlautformationen in seinem Vornamen. Der uneheliche Sohn des bärbeißigen Alttrainers, Tee-Fau-Experten und Weizenanbauers Smudo L. wendete hierfür im Jahre 1994 die damals gültige Zweipunkteregel an. Der smarte Beneluchs wollte damit nach Insiderinformationen speziell in seiner Wahlheimat Berlin (Ost) günstig Sympathiepunkte hamstern. Die letzeburger Labertasche schreibt nach eigener Aussage über alles, was ihm unter die flinken Finger kommt. Saufkumpan Strasser rang ihm am Ende einer mehrtägigen Zechtour weiland das Versprechen ab, mit besonderer Inbrunst über den strauchelnden Pfälzer Traditionsverein zu berichten, bei dem Strasser einst beschäftigt war. Aber auch sonst gibt es kaum ein Thema, das vor der spitzen Feder von der Lützelburg sicher wäre.