Die Ohnmacht der Worte

mikroPhilipp Lahm haute im Interview ordentlich auf den Putz und bekam eine üppige Geldstrafe aufgebrummt. Lahm ist nicht der erste, der sich frei von der Leber weg in die Bredouille plapperte. Einige Fallbeispiele aus den Annalen.

Bruno Labbadia

Eminent wichtig ist es, den richtigen Zeitpunkt für die Veröffentlichung kontroverser Aussagen zu wählen. Bruno Labbadia traf Ende Mai ins Schwarze. In einem Interview mit der Süddeutschen kritisierte der damalige Coach von Bayer Leverkusen seine Mannschaft. Was der Bayer-Vereinsführung an sich unrecht genug gewesen sein dürfte. Erschwerend kam hinzu, dass die Werkself wenige Stunden später um den DFB-Pokal spielte. Sportdirektor Völler soll beim folgenden Tobsuchtsanruf seine Stimme arg strapaziert haben. Einige Tage später war für Labba Schluss.

Rolf Schafstall

Ebenfalls seine eigene Entlassung betrieb Dynamo Dresdens Trainer Rolf Schafstall im März 1999. Ein Jahrzehnt nach dem Mauerfall ließ Wessi Schafstall die Selbstschussanlagen im Kopf noch mal richtig rattern. Hier ein ungeschöntes Stück Nachwendegeschichte: »Dreck, wo Du hinguckst. Denen habe ich erst mal den Marsch geblasen: Besen in die Hand nehmen, auskehren. Ich komme in die Kabine – da steht keiner auf, da hört keiner zu – kein Anstand. Lauter Ossis. Soll ich dafür Sorge tragen, dass die im richtigen Moment nicht den Tritt in den Arsch bekommen haben?«

Stefan Effenberg

Schon zu aktiven Zeiten war Effenberg nicht unbedingt das, was man gemeinhin als Leisetreter bezeichnet. Einem Obdachlosen, der in seiner Einfahrt lag, soll der ehemalige Bayern-Kapitän einst die korrekte Durchführung eines Spannstoßes demonstriert haben. 2002 holte »Effe« dann in einem Playboy-Interview zum Rundumschlag gegen die deutschen Sozialschmarotzer aus: »Viele Leute leben vom Arbeitslosengeld offensichtlich so gut, dass sie keine Lust haben, morgens früh aufzustehen und bis in die Abendstunden zu buckeln – nur, damit sie am Ende des Monats schlappe hundert Euro mehr auf dem Konto haben.« Den »Tiger« störte damals auch nicht, dass sein eigener Bruder von staatlicher Unterstützung lebte.

Lothar Matthäus

Mr. Fettnäpfchen meldete sich unlängst wieder einmal mit Grundsatzfeststellungen zu Wort. Man lehne ihn hierzulande ab, weil alle statt des kompetenten und im Ausland erfolgreichen Trainer Matthäus nur den FC Bayern und die Bild-Zeitung sehen würden. Im FAZ-Gespräch zählte der Rekordnationalspieler auf, was er aus seinen Klubs in Österreich, Ungarn und Israel trotz schlechter Vorraussetzungen gemacht habe, und fügte an, ein Lothar Matthäus sei nun sogar bereit, in die Zweite Liga zu gehen. Doch dann zerdepperte der Weltmeister von 1990 sofort wieder das schöne Bild, das er von sich selbst gezeichnet hatte, indem er fleißig Backenfutter an die Kollegen verteilte. Daum? Ein koksender Lügner. Klinsmann? Musste früher nicht mehr machen, als die Bälle reinhauen. Immerhin räumte der Altinternationale mit der Mär auf, er würde sich ständig selbst bei Vereinen ins Gespräch bringen: »Das habe ich nicht nötig.«

Christoph Daum

Alter Hut: In regelmäßigen Abständen sorgt der sympathische Trainer-Guru für mediale Belustigung resp. Entrüstung. Egal ob Glasscherbenlauf, Haarproben-Eigentor oder Pressekonferenz am Krankenbett – Daum wusste immer schon, wie die Leute zu begeistern sind. Den Vogel ab schoss er weiland mit Statements, in denen er Homosexuelle und Kindesmissbrauch in einen allzu nahen Zusammenhang brachte. Daum wäre aber nicht Daum, wenn er nicht binnen kurzer Zeit nach dem strittigen Interview eine Kehrtwende um 180 Grad vollzogen hätte. Mit der Aussage »Wenn ein Profi zu mir käme und sich outen würde, würde ich ihn unterstützen!« konnte der Männerversteher dann wieder kräftig in der Schwulenszene punkten. Puh.

Franz Beckenbauer

Sich selbst hat der Kaiser von Deutschland bei öffentlichen Auftritten trotz aller Irritiertheit eigentlich nie nachhaltig schaden können. Umso mehr dafür seinem Nachfolger im Amt des Bundestrainers. Von Glückshormonen überwältigt jauchzte Beckenbauer kurz nach dem WM-Triumph von Rom den Satz in die Mikrofone, der Berti Vogts nie losließ: »Mit den Spielern aus der ehemaligen DDR wird die deutsche Mannschaft auf Jahre hinaus unschlagbar sein.« Dänemark, Bulgarien und Kroatien traten den Gegenbeweis an, und Beckenbauers Irrlehre ist bis heute ein Brüller an jedem Stammtisch.

Jermaine Jones

Im deutschen Nationalteam wurde er nicht glücklich, deswegen bemühte der Schalker einen amerikanischen Opa, um eine zweite Nationalmannschaftskarriere starten zu können. Nach seiner fußballerischen Flucht über den großen Teich rechnete Jones mit Deutschland ab. In der New York Times waren folgende Sätze zu lesen: »In Deutschland sind Menschen wie ich unbeliebt. Man muss mich nur anschauen, ich bin nicht der perfekte Deutsche. Ich habe Tattoos, das mögen die Deutschen nicht. Vielleicht liegt es daran, dass ich nicht blond bin und keine blauen Augen habe.« Im Nachhinein hatte die renommierte US-Zeitung alles irgendwie falsch verstanden und missverständlich zitiert, wie Jones sich klarzustellen bemühte.

Bild: Flickr / hiddedevries

Autor: Fränck von Schleck

Fränck von Schleck ist in seiner Heimat eine veritable Legende. Als erster luxemburgischer Blogger überhaupt zog er aus, das gemütliche Kleinherzogtum im Herzen Europas in aller Fußballwelt bekannt zu machen. Der alte Spezi von Buli-Urgestein Jeff Strasser kann den nötigen Draht in die Beletage des internationalen Fußballs vorweisen. Oft angesprochen wird von Schleck auf die bizarren Umlautformationen in seinem Vornamen. Der uneheliche Sohn des bärbeißigen Alttrainers, Tee-Fau-Experten und Weizenanbauers Smudo L. wendete hierfür im Jahre 1994 die damals gültige Zweipunkteregel an. Der smarte Beneluchs wollte damit nach Insiderinformationen speziell in seiner Wahlheimat Berlin (Ost) günstig Sympathiepunkte hamstern. Die letzeburger Labertasche schreibt nach eigener Aussage über alles, was ihm unter die flinken Finger kommt. Saufkumpan Strasser rang ihm am Ende einer mehrtägigen Zechtour weiland das Versprechen ab, mit besonderer Inbrunst über den strauchelnden Pfälzer Traditionsverein zu berichten, bei dem Strasser einst beschäftigt war. Aber auch sonst gibt es kaum ein Thema, das vor der spitzen Feder von der Lützelburg sicher wäre.