Traumtor on Elm Street

Wer als Groundhopper was auf sich hält, grast in der fußballfreien Zeit die Länder ab, die im Kalenderjahr spielen. Beim Besuch des Spitzenspiels der schwedischen Liga fühlte sich Mauertaktik-Chefgrantler Fränck von Schleck wie auf einer Zeitreise in eine längst vergangene Fußball-Ära.

Sonntags trinken Schweden nicht. Diese nationale Eigenart beruht nicht etwa auf einem besonders ausgeprägten religiösen Bewusstsein, sondern ist lediglich der Tatsache geschuldet, dass die Bewohner des skandinavischen Königreichs freitags und samstags (aber auch nur dann!) so viel trinken, dass es ihnen am Tag des Herrn nach allen biologischen Grundregeln einfach nicht nach Alkohol zu Mute sein kann. So wird an den wenigen Imbissständen im Fredriksskans, dem Stadion des schwedischen Erstligisten Kalmar FF zu den viel zu leckeren und viel zu fettigen Würstchen ausschließlich Fanta, Kaffee und Kakao angeboten. Der Stadionbesuch beim Spitzenspiel der schwedischen Liga gleicht in vielerlei Hinsicht einer Zeitreise in eine längst vergangene Fußball-Ära.

Kalmar FF gegen IF Elfsborg lautet die Paarung. Außerhalb von Schweden vollkommen unbekannte Namen, die an diesem sonnigen Sonntagnachmittag in dem verschlafenen ostschwedischen Küstenstädtchen aufeinandertreffen. Dennoch ist es das unbestrittene Spitzenspiel. Der amtierende Meister trifft an diesem 17. Spieltag auf den aktuellen Tabellenführer. Kalmar kann mit einem Sieg im zweiten Spiel der Rückrunde (gespielt wird in Schweden von April bis November) selbst wieder die Spitze übernehmen. Die beiden Provinzvereine bestimmten in den vergangenen drei Spielzeiten das Geschehen in der Allsvenskan, der höchsten schwedischen Spielklasse. 2006 sicherte sich Elfsborg zum ersten Mal nach 45 Jahren den nationalen Titel – der Klub stammt aus der 60.000-Einwohner-Stadt Borås, 60 Kilometer östlich von Göteborg. 2008 bekam die Mannschaft aus Kalmar als Landesmeister den Lennart-Johansson-Pokal überreicht.

Choreo auf der Holztribüne

„5054 / 8667“ ist als nüchterne Anzeige auf der Online-Vereinspräsenz von Kalmar FF zu lesen. Der aktuelle „Biljettstatus“ zwei Tage vor dem Spiel. Ein ausverkauftes Haus droht trotz des winzigen Stadions offenbar nicht. Wir treten die Anreise ohne Karten an und erstehen eine knappe Stunde vor dem Spiel ohne Probleme vier Tickets für den Block M. Auf dem Lageplan sieht unser Abschnitt wie eine zufällig in die Stadionkurve gewürfelte Behelfstribüne aus. Und in der Tat: Die seicht ansteigende Terrasse besteht aus Stahlrohren und Holzplanken. Knapp 1.700 Fans finden auf der reinen Stehtribüne Platz. Haupttribüne und Gegengerade, eine Viertelstunde vor Spielbeginn noch gähnend leer, sind beim Anpfiff plötzlich gut gefüllt. Knapp 8.000 Zuschauer wollen dann doch sehen, ob die rot-weißen Kalmarer den in Schwarz und Gelb gekleideten Gästen den Rang ablaufen können. Elfsborg hat gut 100 Anhänger mitgebracht, darunter vielleicht ein Dutzend Ultras, die für eine blockfüllende Choreografie mit gelben, schwarzen und grauen Plastikbahnen vor dem Anpfiff sorgen. Das Rahmenprogramm der Partie besteht aus dem zweimaligen Einspielen der Klubhymne und ein paar bewegten Bildern auf der viel zu kleinen Videowand. Dann kann es losgehen.

Das Spiel läuft. Bereits in den ersten Minuten spielen sich die Protagonisten auf beiden Seiten in den Vordergrund. Auf Seiten von IF Elfsborg ist dies vor allem die wieselflinke Nummer 20, das 21-jährige schwedische Talent Emir Bajrami, ein Mann mit der Schnelligkeit eines David Odonkor – darüber hinaus aber auch mit einer brasilianischen Ballbehandlung gesegnet. Wenn immer er das Leder vor sich hertreibt, wird es für Kalmar gefährlich. In der Abwehr der Gäste entdecken wir einen alten Bekannten: Teddy Lucic, der mittlerweile 36 Lenze auf dem Buckel hat und im Elfsborger Dress als alternde Mischung aus Bruce Lee und Meister Proper auftritt. Deutschen Fans ist Lucic vom WM-Achtelfinale 2006 in Erinnerung, in dem er nur 35 Minuten mitwirkte – genau so lange dauerte es, bis er die zweite gelbe Karte vorgehalten bekam.

Genau 35 Minuten verstreichen auch, bis die Stimmung im Fredriksskans den ersten Höhepunkt erreicht. Die Nummer 13 der Gastgeber, der baumlange David Elm, dessen Statur und Bewegungen an Peter Crouch erinnern, köpft eine Flanke von der linken Seite aus kurzer Distanz zum 1:0 ins Netz. Zu den Gratulanten zählt auch der Spieler mit der Nummer 18, eine etwas kleiner geratene Ausgabe von Crouch-Elm. Es ist Davids jüngerer Bruder Rasmus, Schwedens derzeit größtes Talent.

Der neue Ibrahimovic

Dem 21-jährigen Rasmus Elm trauen die Schweden eine Karriere wie Zlatan Ibrahimovic zu. Der in Malmö geborene Weltstürmer war dem FC Barcelona unlängst 50 Millionen Euro und Samuel Eto’o wert. Ibrahimovic gilt als bestbezahlter Kicker der Welt mit einem geschätzen Jahressalär von 15 Millionen Euro. Netto. Die internationale Karriere des Schweden mit bosnischen Wurzeln begann 2001, als er für 7,8 Millionen Euro von seinem Stammverein Malmö FF zu Ajax Amsterdam wechselte. Den typischen Zwischenschritt Holland will Kalmars Jahrhunderttalent Rasmus Elm, der Anfang des Jahres in der A-Nationalmannschaft debütierte und sich dort bereits einen Stammplatz erkämpft hat, nicht unbedingt machen. Everton und auch die scheichreichen Citizens aus Manchester zeigen sich bereits sehr interessiert. Freimütig erklärte der begehrte Jungprofi unlängst, die Premier League sei „verlockender als die Ehrendivision“. Die englischen Tabloids schwärmen bereits vom „schwedischen Beckham“.

„Rasmus hat ein echtes Gefühl für das Spiel“, erklärt mir mein schwedischer Kumpel Lars. Er arbeitet als Programmierer in Stockholm und hat deswegen nach eigener Aussage alle Zeit der Welt, den schwedischen und internationalen Fußball zu verfolgen. Bereitwillig gibt er mir einige Tage nach dem Spiel – diesmal gibt es Bier – Auskunft über die Elm-Brüder und die Besonderheiten des schwedischen Fußballs.

Rasmus Elms besonderer Instinkt für die entscheidenden Momente – das Alleinstellungsmerkmal großer Fußballer – ist auch im Spiel gegen Elfsborg unübersehbar. Bereits drei Minuten nach der Führung hat der Tabellenführer nach feinem Tempodribbling und Querpass von Bajrami ausgeglichen. In der ersten Viertelstunde der zweiten Hälfte gerät Kalmar mächtig unter Druck. Immer wieder kommen die Elfsborger mit blitzschnellen, gefährlichen Kombinationen über Bajramis linke Seite vors Tor der Gastgeber. Ein Treffer liegt in der Luft, von Kalmar ist nichts zu sehen. Dann ergreift die Kalmarer Nummer 18 die Initiative. Eine Kopfballabwehr aus dem Elfsborger Strafraum – nach der Pause einer der ersten Angriffe der Hausherren überhaupt – legt sich der „schwedische Beckham“ auf den linken Fuß und wuchtet das vom Rasen hochprallende Leder aus 18 Metern in hohem Bogen an den rechten Innenpfosten, nur knapp unterhalb der Querlatte, von wo aus der Ball ins Netz fällt. Rasmus Elms planvoller Sonntagsschuss kippt die Partie zu Gunsten von Kalmar.

Mama Manager

Rasmus Elm mag der zweite Zlatan Ibrahimovic sein – die Allüren des divenhaften Stürmers könnten dem Hänfling mit der rotblonden Mähne fremder nicht sein. „Rasmus Elm wird niemals in einen Skandal verwickelt sein”, ist sich Lars sicher. Elms Interessen als Fußballprofi werden von seiner Mutter vertreten. Zu den Spielen von Rasmus’ älterem Bruder Viktor, der Ende 2008 von Kalmar in die Niederlande wechselte, fahren Mama und Papa Elm regelmäßig mit dem Auto hinüber ins holländische Heerenveen. Diese anachronistische Bodenständigkeit mag viele Außenstehende überraschen – in das Kalmarer Stadionerlebnis fügt sie sich nahtlos ein.

Wenn der Fußball ein Spiegelbild der Gesellschaft ist, erhalten wir im Fredriksskans von 7.700 Einheimischen eine Einführung in die typisch schwedische Gelassenheit. Die Zuschauer sind vor allem gekommen, um guten, ehrlichen Fußball zu sehen. Statt stimmlichem Einheitsbrei gibt es während der 90 Minuten mehrere Momente knisternder Spannung, in denen das gesamte Stadion verstummt – man vernimmt dann für ein, zwei Sekunden nur die Spielgeräusche. Statt verbaler Aggression herrscht relaxte Ausflugsatmosphäre auf unserer morschen Holztribüne. Dabei sind die Kalmarer Zuschauer unmissverständlich parteiisch, sie regen sich auch schon mal über eine Schiedsrichterentscheidung auf. Aber genauso kühlt man sich auf den Rängen gegenseitig das Gemüt, indem man den Nachbarn knapp darauf hinweist, dass der eigene Angriff wegen einer Abseitsstellung zu Recht abgepfiffen wurde.

Die 22 Spieler auf dem Rasen offenbaren die gleichen Charakteristika. Für die Bedeutung der Partie verlaufen die 90 Minuten äußerst fair. Nach Zweikämpfen mit Bodenkontakt im Strafraum reicht man sich die Hand, der drollige Medizinwagen muss nur einmal kurz aufs Geläuf fahren, Schauspieleinlagen gibt es überhaupt keine, zur „Rudelbildung“ kommt es nur ein einziges Mal. Auch das hierzulande branchenübliche professionelle Lamentieren wird nicht geduldet, und so schickt der ganz in Schwarz gekleidete Unparteiische den Gästecoach bereits in der 18. Minute nach einem harmlosen Disput über eine Einwurfentscheidung auf die Tribüne, von wo aus er den Rest der Partie verfolgen muss.

Elfsborg wirft mit dem Rückstand nach einer Stunde alles nach vorne, wechselt zwei offensive Leute ein. Der kopfballstarke Jungstürmer Denni Avdic, der mit Rasmus Elm im EM-Kader der schwedischen U 21 stand, ist einer der Spieler, die neu ins Spiel kommen. Doch so gefährlich wie vor dem 1:2 kommen die Gäste zunächst nicht mehr vors gegnerische Tor. Immer öfter und siegesgewisser tönt ein hundertfaches „KFF! KFF!“ von den Tribünen. Kurz vor Schluss hat Elfsborg dann doch noch eine Doppelchance zum Ausgleich, doch der bullige Keeper von Kalmar rettet seinem Team mit seiner einzigen Glanztat die Führung. Im Gegenzug die Entscheidung. Nach feinem Steilpass durch David Elm trifft der eingewechselte nigerianische Konterstürmer Abiola Dauda zum 3:1.

Junge Talente und alte Haudegen

Wie ist der erstaunliche Erfolg der Provinzvereine Kalmar und Elfsborg zu erklären, frage ich Lars. Mäzene gibt es im schwedischen Fußball keine, erklärt er mir. Kalmar und Elfsborg sind also keine Hoffenheims oder Wolfsburgs. Die schwedischen Vereine, die ihre einzigen nennenswerten Einnahmen über die Transfers ihrer größten Talente generieren, deren Spiele durchschnittlich 8.000 Zuschauer sehen wollen und die kaum Merchandising anbieten (einen Kalmar-Schal können wir im ganzen Stadion nicht auftreiben), müssen sich auf die Rückkehr verdienter Exilanten wie Lucic und Henrik Larsson und auf die eigene Jugendarbeit verlassen. Erfolgreich sind die Klubs, die eine gesunde Mischung aus jungen Talenten, die noch nicht entdeckt und abgeworben wurden, und erfahrenen Haudegen zusammenfügen, die dem schwedischen Fußball im Spätherbst ihrer Laufbahn etwas von dem zurückgeben, was sie ihm zu verdanken haben – und für wenig Geld die Karriere in ihrem Heimatland ausklingen lassen. Aufgefüllt werden die Kader mit günstigen Südamerikanern. Alleine fünf Brasilianer stehen in Kalmar unter Vertrag.

Dennoch ist der Kalmarer Erfolg vor allem der Erfolg der Elm-Brüder. Rasmus, Viktor und David Elm alleine sind eine goldene Generation. Im Meisterkader 2008 bildeten die drei Elms das Rückgrat. Zum vorentscheidenden 6:0-Heimsieg gegen IFK Norrköping steuerte die Familie Elm fünf Treffer bei. Aber auch die besten Vereine der schwedischen Allsvenskan sind auf europäischem Parkett ohne Chance. Kalmar schied kürzlich in der zweiten Qualifikationsrunde zur Champions League gegen den ungarischen Vertreter Debreceni aus. Talente wie die Elms oder Emir Bajrami sind für den Erfolg ihrer Teams ähnlich entscheidend wie Maradona in den Achtzigern für den Siegeszug des SSC Neapel. Finanziell sind sie nicht zu halten in einer Liga, in der die Profis zwischen 2.000 Euro und 12.000 Euro pro Monat verdienen. Wenn der unausweichliche Aderlass in Kalmar und Elfsborg in nächster Zeit vollzogen wird, wird die Bühne frei für andere Klubs. Malmö FF hat an den Verkäufen von Ibrahimovic (7,8 Millionen Euro), Markus Rosenberg (5,3 Millionen) und Ola Toivonen (4 Millionen) in den letzten Jahren gut verdient, verfügt außerdem über eine der größten und modernsten Arenen Schwedens. Wird das Kapital gezielt eingesetzt, könnte dem Team aus dem Süden die nahe Zukunft gehören.

Internationale Träume aus vergangenen Tagen

Das Pendel wird dann vielleicht wieder von der Provinz in die großen Städte umschlagen. Stockholm und Göteborg stellen die meisten Vereine. Ein weiterer „Big Player“ der letzten Jahre war der Hauptstadtverein Djurgårdens IF. „Wir haben die Allsvenskan drei Mal in den letzten sieben Jahren gewonnen“, sagt Lars stolz über seinen Klub und nimmt darauf einen besonders großen Schluck von seinem Bier. „Vor fünf, sechs Jahren hatten wir ein Team voller Nationalspieler“, fährt er fort. „Damals hat Djurgården in der Champions-League-Qualifikation fast gegen Juventus gewonnen!“ Tatsächlich erreichte der schwedische Vertreter 2004 ein achtbares 2:2 im Stadio Delle Alpi, bevor die „alte Dame“ um Pavel Nedved, David Trezeguet und Alessandro del Piero beim 4:1 im Rückspiel die schwedischen Träume zerplatzen ließ. Die Zeiten, in denen schwedische Vereine wie der IFK Göteborg regelmäßig an der Champions League teilnahmen, oder gar internationale Titel gewannen, sind jedoch lange vorbei – als bis heute letzter Vertreter nahm Helsingborgs IF 2000/01 an der Gruppenphase des europäischen Königswettbewerbs teil.

Nach dem Schlusspfiff leert sich das Stadion binnen Minuten. Nur auf der Gegengerade, an deren Ende sich der kleine Fanblock befindet, verharren die Zuschauer ein paar Augenblicke länger – die Mannschaft kommt, um den Sieg mit der „Welle“ zu feiern. Die müden Spieler bekommen stehende Ovationen. Sie haben die Tabellenspitze wenigstens für eine Nacht übernommen, weil die Konkurrenz aus Göteborg zeitgleich Federn ließ.

Wir verbleiben noch ein paar Minuten auf unserer nun leeren Holztribüne. Für die erlebten zwei Stunden trifft wohl die Bezeichnung „Fußball in Reinform“ am ehesten zu. Der Fußball in Schwedens erster Liga ist so, wie er in der Bundesliga zuletzt vielleicht vor einem Vierteljahrhundert war. Es ist eine Art Fußball, der in Europa ein Rückzugsgefecht austrägt, das er nicht gewinnen kann. Doch in Kalmar und anderswo wird noch Widerstand geleistet…

Autor: Fränck von Schleck

Fränck von Schleck ist in seiner Heimat eine veritable Legende. Als erster luxemburgischer Blogger überhaupt zog er aus, das gemütliche Kleinherzogtum im Herzen Europas in aller Fußballwelt bekannt zu machen. Der alte Spezi von Buli-Urgestein Jeff Strasser kann den nötigen Draht in die Beletage des internationalen Fußballs vorweisen. Oft angesprochen wird von Schleck auf die bizarren Umlautformationen in seinem Vornamen. Der uneheliche Sohn des bärbeißigen Alttrainers, Tee-Fau-Experten und Weizenanbauers Smudo L. wendete hierfür im Jahre 1994 die damals gültige Zweipunkteregel an. Der smarte Beneluchs wollte damit nach Insiderinformationen speziell in seiner Wahlheimat Berlin (Ost) günstig Sympathiepunkte hamstern. Die letzeburger Labertasche schreibt nach eigener Aussage über alles, was ihm unter die flinken Finger kommt. Saufkumpan Strasser rang ihm am Ende einer mehrtägigen Zechtour weiland das Versprechen ab, mit besonderer Inbrunst über den strauchelnden Pfälzer Traditionsverein zu berichten, bei dem Strasser einst beschäftigt war. Aber auch sonst gibt es kaum ein Thema, das vor der spitzen Feder von der Lützelburg sicher wäre.

4 Gedanken zu „Traumtor on Elm Street“

  1. sehr schöner bericht, mauertaktik einmal anders, schwedischer fußball ist ein jungbrunnen für die fanseele. myckert wacker!

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