Mauertaktik-Antiquariat: „Fußball WM 1970“ (W. Fischer)

39 Jahre auf dem Buckel – aber kein bisschen veraltet. Diese Aussage lässt sich mit Fug und Recht über die 207 Seiten starke Monumentaledition „Fußball WM 1970“ von Wilhelm Fischer treffen. Der Autor dieses Meisterwerks der Fußball-Berichterstattung hatte bereits im Jahre 1960 mit dem rasanten Herrensportklassiker „Männer, Fäuste und Motore“ (sic!) das deutsche Feuilleton geschockt – und ein Jahr später mit der epigonalen Leichathletik-Bibel „Meister, Meter und Rekorde“ noch einmal saftig nachgelegt. 1970 dann also der vorläufige Höhepunkt der Fischer-Saga im Eigenverlag. Wir haben die besten Passagen des preisgekrönten Buches zusammengetragen.

Schon vor dem Anpfiff der IX. Fußball-WM drängten sich Investigativlegende W. Fischer diverse brennende Fragen auf: „Würde es wieder Schiedsrichter-Skandale geben?“ Es würde (siehe unten). „Die schwächste aller Weltmeisterschaften?“ Mitnichten. „Ein neues Duell Europa – Südamerika?“ Oh ja. Während der Vorrunde dann: „Ist Deutschland nur ein Papiertiger?“ Hm. Auch Fischers Zwischenüberschriften („Appetit auf Tore und belegte Brötchen“) haben es in sich. Kein Zweifel: Hier ist ein Könner am Werk. Historisch schwieriges Terrain wird vom deutschen Autor geschickt genommen. Das israelische Team wird mit Sinn für die Geschichte zum „kleinen David“ umgetauft, der den „schwedischen Goliath empfindlich traf“. Nationale Stereotypen lockern die Narration geschickt auf („Fußball als Stierkampf“, „Schachmatt für die Russen“).

Dramaturgischer Höhepunkt, nicht nur aus deutscher Sicht, war beim Turnier in Mexiko ohne Zweifel das Halbfinale zwischen Italien und Deutschland. Auch W. Fischer widmet sich in gebührender Länge (7 Seiten) dem „Kampf der Kämpfe“ (Zitat, S. 160) – und das, obwohl der filigrane Wortschreiner aus Göttingen noch im einleitenden Absatz gestanden hatte: „Dem Chronisten fehlen die Worte, dieses Fußball-Drama zu beschreiben.“ Er fand dann doch ein paar. Unter anderem diese:

Als Schiedsrichter Yamasaki anpfiff, […] da ahnte noch keiner der hunderttausend im weiten Rund, daß er einem Fußballkrimi beiwohnen würde, gegen den jeder echte Krimi als harmloser Schwank erscheinen mußte.

Der Verfasser outet sich im Verlauf seines atemlosen Spielberichts als Fan treffender Sportmetaphern:

Nach sieben Minuten lagen die Deutschen bereits im Hintertreffen. […] Wir hätten uns die Haare raufen mögen über dieses Tor, das unsere Mannschaft wie ein K.o.-Schlag traf. Aber die Deutschen ließen sich nicht auszählen. Sofort standen sie wieder und setzten dem Gegner nach, der geschmeidig wie ein Boxer durch den Ring tänzelnd, dem Konterschlag auswich.

Während die deutsche Elf aufopferungsvoll kämpft, stehen ihr nicht weniger als zwölf verschlagene und verschworene Gegner gegenüber:

Dazu ein Schiedsrichter, der Angst hatte, klare Fouls der Italiener ehrlich zu ahnden. […] Selbst die Italiener hatten ein schlechtes Gewissen. Die Südländer mähten alles nieder, was sich ihrem Strafraum näherte.

Ehrensache, dass es bei Herrn Fischer ebenso wie in der TV-Übertragung „ausgerechnet“ Schnellinger ist, der den Ausgleich in letzter Sekunde besorgt. In der Verlängerung sprang dann der berühmte Funke über:

Und dann brannten die Deutschen ein Feuerwerk ab, daß es im Stadion bald lichterloh brannte.

Die Freiwillige Feuerwehr des Stadtteils Coyoacán muss ihre liebe Müh und Not gehabt haben, die Flammen unter Kontrolle zu bringen. Nun geht es hin und her, hüben wie drüben fallen Tore wie reife Früchte, wie Wogen der Begeisterung rauschen die Verbalergüsse des ekstatischen Autors über das vergilbte Papier – bald steht es 4:3 für Italien.

Mit dem Mut der Verzweiflung greifen die Deutschen noch einmal an. Uwe wird von Facchetti umgehauen, doch der fällt geschickter als Seeler. Freistoß für Italien. Der Gong rettet Italiens Sieg.

Nach dem Spiel ist vor dem bedeutungslosen „kleinen“ Finale. Doch nicht für die Deutschen. Fischer holt noch einmal richtig aus und adelt die ehrenvollen Sportsfreunde zwischen Maas und Memel:

Helmut Schön und seine Männer wollten es auch im letzten Spiel gegen die „Urus“ noch einmal wissen. Hut ab vor soviel Idealismus, vor soviel teutonischem Kampfgeist nach diesem Fußball-Drama vom 17. Juni.

What a read.

Autor: Fränck von Schleck

Fränck von Schleck ist in seiner Heimat eine veritable Legende. Als erster luxemburgischer Blogger überhaupt zog er aus, das gemütliche Kleinherzogtum im Herzen Europas in aller Fußballwelt bekannt zu machen. Der alte Spezi von Buli-Urgestein Jeff Strasser kann den nötigen Draht in die Beletage des internationalen Fußballs vorweisen. Oft angesprochen wird von Schleck auf die bizarren Umlautformationen in seinem Vornamen. Der uneheliche Sohn des bärbeißigen Alttrainers, Tee-Fau-Experten und Weizenanbauers Smudo L. wendete hierfür im Jahre 1994 die damals gültige Zweipunkteregel an. Der smarte Beneluchs wollte damit nach Insiderinformationen speziell in seiner Wahlheimat Berlin (Ost) günstig Sympathiepunkte hamstern. Die letzeburger Labertasche schreibt nach eigener Aussage über alles, was ihm unter die flinken Finger kommt. Saufkumpan Strasser rang ihm am Ende einer mehrtägigen Zechtour weiland das Versprechen ab, mit besonderer Inbrunst über den strauchelnden Pfälzer Traditionsverein zu berichten, bei dem Strasser einst beschäftigt war. Aber auch sonst gibt es kaum ein Thema, das vor der spitzen Feder von der Lützelburg sicher wäre.

2 Gedanken zu „Mauertaktik-Antiquariat: „Fußball WM 1970“ (W. Fischer)“

  1. Nice. Wär mal was für Stars in der Manege… B. Andersen hat sich offenbar auch noch nicht festgelegt, ob er oder Dimo W. die Nr. 1 wird. Das spannendste „Duell auf Augenhöhe“ seit Lehmann v. Kahn!

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