Warum nicht mal die Hertha?

„Nimm Du sie! Nein, ich will sie nicht!“ Selten wurde die Tabellenführung in der Bundesliga so sehr wie ein fauler Apfel hin- und hergereicht wie in den ersten Spieltagen des Jahres 2009. Hoffenheim, Hamburg, Hertha… Wenn wir die Serie im Sinne eines IQ-Tests sinnvoll fortführen wollten, stünde auch Hannover 96 noch einmal ganz oben in dieser kuriosen Spielzeit. Dazu wird es natürlich nicht kommen – so viel Konstanz muss schon sein. Auf wessen Vitrine die ungeliebte Salatschüssel am 23. Mai ihren Platz finden wird, ist völlig unklar. Mauertaktik fragt sich: Warum nicht mal die Hertha?

Nachdem die euphorisierten Hauptstadtfans mit diesem geschickt endenden Teaser auf die Folgeseite gelockt worden sind, können wir ganz frech weitere Fragen anschließen: Warum nicht mal ein Team mit negativem Torverhältnis? Auch das scheint möglich im Jahr 2009, in dem die Hertha mit +9 und der HSV mit +3 Toren derzeit die Tabelle anführen. Wäre doch mal was. Nehmen wir mal an, der HSV kriegt noch zwei-, dreimal richtig auf die Mütze – man könnte sich ein 1:6 in Bremen oder auch ein 0:3 in Suttgart vorstellen, auch gegen Hoffenheim läuft jede Mannschaft Gefahr, an einem schlechten Tag mal fünf bis acht Eier ins Nest gelegt zu bekommen – sonst ein paar knappe Siege… und ein tolles Novum wäre geboren.

Warum nicht nochmal ein Aufsteiger? Alle Lauternfans und griechischen Nationalspieler wünschen sich nichts weniger als das. Erstere verlören dann einen Rekord, letztere vermutlich die Freude im Training… Ansonsten spricht (wider vergangene Analysen) wenig gegen die Hoffenheimer. Außer vielleicht, dass sie derzeit das Tor nicht treffen und ganz nebenbei Gefahr laufen, sich bei allen anderen Vereinen derart unbeliebt zu machen, dass die Rauhbeine der Liga sie künftig in Froschi-Frosch-Manier mit Vorsatz ins Lazarett treten.

Warum nicht mal ein Retortenclub? (Redundanz ist Mauertaktik fremd, deswegen ist hiermit an dieser Stelle der VfL Wolfsburg und nicht der FC SAP gemeint.) Wolfsburg macht derzeit den stärksten Eindruck der Teams im oberen Tabellendrittel und hat nacheinander die Spitzenreiter Hertha und Hamburg gestürzt. Die Wolfsburger Wölfe sind unbestritten noch grauer als alle Mäuse in der Hauptstadt – aber kann uns das ernsthaft schocken oder gar dazu verleiten, den lange so mittelmäßigen Mitteldeutschen das Potenzial zur Meisterschaft abzusprechen? Wäre doch toll – und die deutsche Wirtschaft würde sich im Frühsommer an den dann natürlich wieder boomenden VW-Verkaufszahlen am eigenen Schopfe aus dem Krisensumpf ziehen.

Warum nicht mal wieder der FC Bayern? Denn, Krise hin oder her – wer würde ernsthaft glauben, dass der Bayern-Dusel passé und der FC Bollywood mittlerweile nicht mehr als ein abgehalftertes Provinztheater ist? Die Bayern können erst abgeschrieben werden, wenn der letzte Schlusspfiff ertönt, der letzte indirekte Freistoß im Strafraum ausgeführt worden ist – und der FCB dann wirklich, hundertprozentig und ohne Hintertürchen nicht auf Platz 1 steht.

Warum, und damit kommen wir dann doch noch zur Hertha aus Berlin, ja warum sollten eigentlich die Schützlinge des wackeren Eidgenossen Lulu am Ende nicht ganz oben stehen? Dass Hertha derzeit auf Rang 1 logiert, hat neben der beeindruckenden Berliner Effizienz und den akribisch einstudierten Spielzügen Favres einen weiteren wichtigen Grund: Der Rest der Liga hat bislang noch weniger Zähler gesammelt als der BSC. Weniger Punkte hatte ein Spitzenreiter am 22. Spieltag zuletzt 2001 – damals war es der FC Bayern mit 42 Pünktchen. Auch am Ende besagter Spielzeit stand der FCB vorne, jedoch kann nicht davon geredet werden, dass die Bayern die Meisterschaft gewannen – der FC Schalke 04 verlor sie. Und vielleicht wiederholt sich ja die Geschichte unter umgekehrten Vorzeichen, wenn am 23. Mai 2009 in der 93. Minute im Karlsuher Wildpark ein indirekter Freistoß für die Hertha gepfiffen wird und 60.000 Augenpaare in der Münchner Allianz-Arena ängstlich auf den Videowürfel starren…

Autor: Fränck von Schleck

Fränck von Schleck ist in seiner Heimat eine veritable Legende. Als erster luxemburgischer Blogger überhaupt zog er aus, das gemütliche Kleinherzogtum im Herzen Europas in aller Fußballwelt bekannt zu machen. Der alte Spezi von Buli-Urgestein Jeff Strasser kann den nötigen Draht in die Beletage des internationalen Fußballs vorweisen. Oft angesprochen wird von Schleck auf die bizarren Umlautformationen in seinem Vornamen. Der uneheliche Sohn des bärbeißigen Alttrainers, Tee-Fau-Experten und Weizenanbauers Smudo L. wendete hierfür im Jahre 1994 die damals gültige Zweipunkteregel an. Der smarte Beneluchs wollte damit nach Insiderinformationen speziell in seiner Wahlheimat Berlin (Ost) günstig Sympathiepunkte hamstern. Die letzeburger Labertasche schreibt nach eigener Aussage über alles, was ihm unter die flinken Finger kommt. Saufkumpan Strasser rang ihm am Ende einer mehrtägigen Zechtour weiland das Versprechen ab, mit besonderer Inbrunst über den strauchelnden Pfälzer Traditionsverein zu berichten, bei dem Strasser einst beschäftigt war. Aber auch sonst gibt es kaum ein Thema, das vor der spitzen Feder von der Lützelburg sicher wäre.

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