Familientreffen in der Westkurve

Zu jeder Großfamilie gehört das regelmäßige Familientreffen, ein Anlass, zu dem die Lebenswege der Kinder neidvoll verglichen, unzählige Torten und Kuchen verputzt und Räuberpistolen aus längst vergangenen Tagen auf die Sippschaft abgefeuert werden.

Der Klassiker bei der Ortswahl ist natürlich das großelterliche Esszimmer an einem der Weihnachtsfeiertage. Manch anderer Clan bevorzugt edle Restaurants; gerne wird auch mal ein Bauernhof im Taunus angemietet, um das richtige Ambiente für die harmonische Familienzusammenführung zu schaffen.

Nicht so bei von Schlecks: Die „Family Reunion“ der in ganz Deutschland verstreuten Fußballverrückten fand am gestrigen Abend in besonders heimeliger Umgebung statt: In Block 10.2 des Fritz-Walter-Stadions…

Für die logistischen Voraussetzungen sorgten die Cousins aus dem Badischen, die dem weit gereisten Hobby-Blogger die Dauerkarte ihres Herrn Papa (ob der unchristlichen Anstoßzeit leider verhindert) zur Verfügung stellten. Pünktlich zum Anpfiff erschien dann auch von Schleck Senior, der – auf einem mitgebrachten Holzschemel stehend – schon in den Siebzigern mit Opa von der Westkurve aus den roten Teufeln auf dem grünen Rasen zujubelte. Diesmal hatte er den jüngsten Zögling der familieninternen Vereinspropaganda im Schlepptau – Spitzname: Zahnspangenfan…

Das kulinarische Ambiente ließ nichts zu wünschen übrig – statt Omas Zupfkuchen gab es „Worscht“ und Pils – und so war alles gerichtet für ein stimmungsvolles Fest. Die Euphorie auf den Rängen vermengte sich mit dem Einmarsch der erweiterten FCK-Großfamilie, die für die passende Rahmenhandlung sorgen sollte. Vorab waren ja auch traditionsgemäß die verhassten Verwandten aus dem Süden ausgeladen worden. Auf die Liedzeile „Jeder Club ist uns willkommen / jede Mannschaft gern geseh’n“ folgte wie gewohnt ein konzertiertes „Außer Bayern!“

Doch traten alsbald auf dem heiligen Geläuf Probleme auf, die man von jeder Familienfeier kennt. Nach überschwänglicher Begrüßung und temporeichem ersten Small-Talk machte die brüchige Harmonie Raum für Verunsicherung und schließlich Verzagtheit, die angeregten Gespräche zwischen den Familienmitgliedern gerieten ins Stocken.

Die konsternierten Teilnehmer fragen sich dann in der Regel, ob man sich in Wirklichkeit eigentlich nichts zu sagen hat – denn die verbalen Flachpässe trudeln allesamt über die Auslinie, auch erste hohe Verzweifelungsbälle in den Sturm („Mensch, Dieter, jetzt erzähl‘ doch noch mal…“) können nicht verwertet werden.

Auch ein für familiäre Zusammenkünfte typisches Ereignis half der Sippschaft nicht aus ihrer Lethargie. Tobi, der jüngste Spross von Schwippschwager Gerry, war nämlich nach einer knappen Dreiviertelstunde beim Toben mit den anderen Kindern im Strafraum unglücklich hingeschlagen und hatte sich den Arm gebrochen. Aber auch das schweißte die Lauterer Großfamilie nicht zusammen.

Gerät die Hausparty derart ins Stocken, hilft meist nur das beherzte Eingriffen eines in den Künsten der Alleinunterhaltung geschulten Familienmitglieds, das dann mit einer gekonnten Parodie von Onkel Heinz oder durch anders geartete effektvolle Humorigkeit das Eis bricht.

Und mit einstündiger Verspätung traf auch gestern auf dem Lauterer Betzenberg die Rettung ein. Adoptivneffe Dragan, der erst im Spätsommer in den Schoß der FCK-Familie aufgenommen worden war, schlug auf der lahmen Fete ein wie eine Bombe. Unmittelbar nach Ankunft zeigte er den verstockten Verwandten aus Osnabrück, wie man die passende Stimmung quasi aus dem Hut zaubert. Der gebürtige Serbe nahm Gerhard Wendland aus der Dauerschleife und heizte stattdessen dem Rest der Sippe mit feinstem Balkan-Rock so richtig ein. Nach zwei gekonnten Lufgitarren-Soli erhoben sich auch die notorischsten Spaßbremsen von ihren Plätzen und fielen in den ausgelassenen Reigen ein.

Es wurde dann noch eine sehr schöne Feier mit der ganzen Familie. Beim Abschied versicherte man sich, es beim nächsten Zusammentreffen gleich besser zu machen. Gelegenheit dazu findet sich bereits am Montag. Die Münchner Verwandtschaft will auch kommen…

Autor: Fränck von Schleck

Fränck von Schleck ist in seiner Heimat eine veritable Legende. Als erster luxemburgischer Blogger überhaupt zog er aus, das gemütliche Kleinherzogtum im Herzen Europas in aller Fußballwelt bekannt zu machen. Der alte Spezi von Buli-Urgestein Jeff Strasser kann den nötigen Draht in die Beletage des internationalen Fußballs vorweisen. Oft angesprochen wird von Schleck auf die bizarren Umlautformationen in seinem Vornamen. Der uneheliche Sohn des bärbeißigen Alttrainers, Tee-Fau-Experten und Weizenanbauers Smudo L. wendete hierfür im Jahre 1994 die damals gültige Zweipunkteregel an. Der smarte Beneluchs wollte damit nach Insiderinformationen speziell in seiner Wahlheimat Berlin (Ost) günstig Sympathiepunkte hamstern. Die letzeburger Labertasche schreibt nach eigener Aussage über alles, was ihm unter die flinken Finger kommt. Saufkumpan Strasser rang ihm am Ende einer mehrtägigen Zechtour weiland das Versprechen ab, mit besonderer Inbrunst über den strauchelnden Pfälzer Traditionsverein zu berichten, bei dem Strasser einst beschäftigt war. Aber auch sonst gibt es kaum ein Thema, das vor der spitzen Feder von der Lützelburg sicher wäre.

1 Gedanke zu „Familientreffen in der Westkurve“

  1. Danke für den klasse Artikel!

    Auch ich konnte ob der unchristlichen Anstoßzeit nich dabei sein. scheiß DFL :(

    Aber so schlimm fand ich die erste Halbzeit gar nich, wir ham uns ziemlich gute Chancen rausgearbeitet, wenn Bruder Erik und Bruder Srdjan nich vollkommen neben sich stehen, stehts zur Halbzeit 2:0 für Betze…
    Aber der Schiri… mein Gott, das war aber ganz und gar nicht mehr feierlich… Das Tor von Hesse aberkannt, obwohl der Ball von nem Osnabrücker kam, Ouattara hat per se fürs erste Foul gelb gesehn… Das war nix!

    Aber kurze Rede, langer Sinn: „Pele“ heißt jetzt wieder schön Claus-Dieter, und hört auch bitte auf, über Weltmeister-Legenden herzuziehen.

    Achja, bei aller Freundschaft zu den sechzgern: HIER REGIERT DER
    EFFF CEEE KAAA!!!

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