Warum Hoffenheim nicht Meister wird (Buli 9. Spieltag)

Ein Aufsteiger auf Platz 1! Und das durch ein souveränes, ja begeisterndes 3:0 gegen den bisherigen Spitzenreiter aus Hamburg. Die Erfolgsserie des Emporkömmlings aus der süddeutschen Provinz, der TSG 1899 Hoffenheim um Trainer Ralf Rangnick und Mäzen Dietmar Hopp, wird so langsam auch den Letzten unheimlich. Und weckt unweigerlich Erinnerungen an die Saison 1997/98. Damals gelang es als erstem und bis dato einzigen Aufsteiger dem 1. FC Kaiserslautern mit Alttrainer Otto Rehhagel nach dem Aufstieg direkt den Meistertitel zu feiern. Doch der Vergleich hinkt gewaltig. Warum Hoffenheim 08 nichts mit Lautern 98 gemein hat…

19 Punkte hat die emsige Turn- und Sportgemeinschaft aus Hoffenheim in den ersten neun Spielen dieser Erstligasaison gesammelt. Im Jahre 1997 hatte der kesse Aufsteiger Kaiserslautern am 9. Spieltag sogar drei Zähler mehr auf dem Konto – und lag gleichfalls an der Tabellenspitze.

Wer sich um einen Vergleich zwischen Hoffenheim heute und dem 1. FCK damals bemüht, stellt rasch fest, dass sich die Erfolgsstorys in den meisten Belangen unterscheiden wie Tag und Nacht.

Fangen wir mit der Ausgangslage an. Die TSG Hoffenheim hat keinerlei Vergangenheit im bezahlten Fußball. Wie aus einem „Dorfverein“ in den vergangenen Jahren durch gezielte finanzielle Förderung, solides Wirtschaften und gute Arbeit von allen Beteiligten ein Bundesligamitglied wurde, haben die hiesigen Gazetten in den letzten Wochen zur Genüge dargestellt. „Tabula Rasa“ also bei den Förderkindern von Didi Hopp. Ganz anders damals die Situation der Roten Teufel.

Der FCK stieg 1996 zum ersten Mal in seiner Vereinsgeschichte aus der 1. Bundesliga ab. Eine nicht für mögliche gehaltene Katastrophe für die gesamte Region, für Fans wie Spieler gleichermaßen. Nicht nur Andi Brehme heulte nach dem Schlusspfiff in Leverkusen, der die Relegation besiegelte, wie ein Schlosshund. Die Tränen waren kaum getrocknet, da begann bereits das Projekt „Sofortiger Wiederaufstieg.“ Dafür wurden finanzielle Risiken eingegangen und viele Stammspieler zum Bleiben überredet. Stammkeeper Andi Reinke, Abwehrchef Miro Kadlec, der torgefährliche Innenverteidiger und Kunstradfahrer Harry Koch, FCK-Urgestein Axel Roos, Weltmeister und Präzisionsschütze Andi Brehme, Linksaußen Martin Wagner sowie die Stürmer Pavel Kuka und Olaf Marschall – sie alle blieben an Bord des in Seenot geratenen Lautern-Dampfers. Und trugen entscheidend zum sofortigen Wiederaufstieg bei. Wichtig zu erwähnen: Diese Protagonisten hatten zusammen mehrere hundert Bundesligapartien auf dem Buckel, die meisten von ihnen waren bereits jenseits der 30. Erfahrung als Erfolgsrezept. Dafür stand schon der Name Otto Rehhagel, der bereits zu Bremer Zeiten lieber gestandenen Profis sein Vertrauen schenkte als aufstrebenden Talenten.

Völlig konträr hierzu das Hoffenheimer Konzept. Für Ballprofessor Dr. Rangnick zählt nur Qualität und taktische Reife. Erfahrung in Form von Erstligaspielen oder Profijahren taugt für den Hoffenheimer Coach nicht als Auswahlkriterium. So wundert es nicht, dass die TSG Hoffenheim die wohl erste wahre „Bundesliga-Boyband“ ist. Nehmen wir allein das Trio Infernale im Sturm, Demba Ba, Vedad Ibisevic und Chinedu Obasi, die bislang gemeinsam satte 18 Tore erzielt haben. Von ihnen ist der Bosnier mit 24 Jahren der Älteste. In den anderen Mannschaftsteilen sieht es nicht anders aus. Regisseur Salihovic ist gerade 24 geworden, die Brasilianer Gustavo und Carlos Eduardo zählen beide gar erst 21 Lenze. In der Abwehr sorgen Andi Beck (21), Matthias Jaissle (20) und Marvin Compper (23) für Stabilität. Für die meisten Hoffenheimer Spieler ist dies die erste Bundesligasaison überhaupt.

Es bleibt abzuwarten, ob und wie sich die mangelnde Erfahrung auf den Saisonverlauf der TSG auswirkt. Dem 1. FCK gelang 1997/98 ein beispielloser Durchmarsch (an 32 von 34 Spieltagen standen die Roten Teufel an der Spitze). Ähnliches muss den Rangnick-Schützlingen zumindest zugetraut werden.

Denn spielerisch ist Hoffenheim 08 Lautern 98 zweifellos um Längen voraus. Während der ehemalige Abwehrrecke Rehhagel vor allem auf die Kampfstärke und die sichere Abwehr setzte, mit Libero und klassischem Spielmacher (Sforza) spielte, lässt Rangnick modernsten Offensivfußball zelebrieren. Lautern gewann den Titel 1998 vor allem dank fulminanter Heimstärke und Kampfkraft. Hoffenheim ist auch auswärts gut und gerne mal für drei bis fünf Tore gut, wie der Aufsteiger bereits bewiesen hat, dazu in der Lage, an einem guten Tag jeden beliebigen Gegner an die Wand zu spielen.

Hoffenheim wird dennoch am 23. Mai 2009 nicht die Meisterschale in Empfang nehmen.

Dafür verantwortlich wird nicht die Qualität der Spieler, auch kaum deren mangelnde Erfahrung sein. Der Faktor „Fans“ spielt – auch wenn dies Traditionalisten missfallen wird – im Eventfußball des Jahres 2008 ebenfalls keine entscheidende Rolle (Ins Westfalenstadion pilgern seit Jahren die meisten Fans – Borussia Dortmund ist dennoch eine der schlechteren Heimmannschaften). Nein, der Grund für die Tatsache, dass Hoffenheim am Ende zwischen Platz 3 und 6 landen wird, liegt in einem anderen Faktum begründet: Der Ausgeglichenheit der Liga.

Der 1. FC Kaiserslautern wurde 1998 Deutscher Meister, weil man sich den schwächelnden FC Bayern erfolgreich vom Leibe hielt. Zwei Punkte waren es in der Endabrechnung, ohne den Auftaktsieg in München und den 2:0-Erfolg im Rückspiel hätte es kein Pfälzer Wunder gegeben.

68 Punkte reichten dem FCK vor zehn Jahren zum Titel – eine magerere Ausbeute erzielte seitdem nur ein Meister: Die Bayern 2001. Und dass dieser Triumph niemals hätte Realität werden dürfen, weiß man nicht nur in Gelsenkirchen. Dennoch waren die Bayern im Jahre 1998 der einzige ernst zu nehmende Verfolger der Pfälzer. Rückblickend kann man folgern: Nie zuvor und danach waren die Voraussetzungen für einen Underdog so günstig, wie in der Saison 1997/98 für den FCK.

2008 sieht das etwas anders aus. Hoffenheim hat viele starke Verfolger, auch wenn es derzeit nicht den Anschein haben mag. Die spielstarke Werkself aus Leverkusen, die gerade genesenden Bayern aus München, auch die heimstarken Stuttgarter und die nominell gut besetzten Schalker und Hamburger: Sie alle werden noch eine Rolle spielen – und der TSG gehörig einheizen. Sie alle könnten den Kampf um Titel und internationales Geschäft so spannend machen wie selten zuvor.

Das alles wird die Hoffenheimer nicht davon abhalten, sich in der ersten Liga zu etablieren und mit ihrer unglaublich ambitionierten und perspektivreichen Mannschaft, mit durchdachtem Konzept und begeisterndem Fußball in den nächsten Jahren oben mitzuspielen.

Doch König Otto kann sich in seiner griechischen Wahlheimat noch einmal beruhigt zurücklehnen. Er wird auch nach dieser Spielzeit die Exklusivrechte für die Serie „Fußball-Wunder“ innehaben.

Autor: Fränck von Schleck

Fränck von Schleck ist in seiner Heimat eine veritable Legende. Als erster luxemburgischer Blogger überhaupt zog er aus, das gemütliche Kleinherzogtum im Herzen Europas in aller Fußballwelt bekannt zu machen. Der alte Spezi von Buli-Urgestein Jeff Strasser kann den nötigen Draht in die Beletage des internationalen Fußballs vorweisen. Oft angesprochen wird von Schleck auf die bizarren Umlautformationen in seinem Vornamen. Der uneheliche Sohn des bärbeißigen Alttrainers, Tee-Fau-Experten und Weizenanbauers Smudo L. wendete hierfür im Jahre 1994 die damals gültige Zweipunkteregel an. Der smarte Beneluchs wollte damit nach Insiderinformationen speziell in seiner Wahlheimat Berlin (Ost) günstig Sympathiepunkte hamstern. Die letzeburger Labertasche schreibt nach eigener Aussage über alles, was ihm unter die flinken Finger kommt. Saufkumpan Strasser rang ihm am Ende einer mehrtägigen Zechtour weiland das Versprechen ab, mit besonderer Inbrunst über den strauchelnden Pfälzer Traditionsverein zu berichten, bei dem Strasser einst beschäftigt war. Aber auch sonst gibt es kaum ein Thema, das vor der spitzen Feder von der Lützelburg sicher wäre.

10 Gedanken zu „Warum Hoffenheim nicht Meister wird (Buli 9. Spieltag)“

  1. Soweit ist der Fussball mit diesen Scheiß Event Vereinen schon gekommen.
    Wenn das Schule macht wird es in 5 Jahren wohl so aussehen:

    Der SSV Otto-Versand Kulm von Michael Otto wurde souverän Meister und um den Pokalsieg balgen sich im Olympiastadion von Berlin vor 74.000 geladenen VIP Gästen und 228 zahlenden Fans, die Teams der rivalisierenden Albrecht Brüder.
    Karl Albrechts Aldi-Süd Kickers gewannen 2:1 gegen die Borussia Aldi-Nord. Verona Feldbusch führte den Anstoss aus und Gülcan kommentierte für Premiere.
    Für Stefan Raabs Cologne Butchers reichte es dieses mal nur zur Championsleague Quali.
    Zuschauerkrösus der Lige bleibt überraschend der siechende „Traditionsverein“ aus Hoppenheim, zu dessen Heimspielen immerhin noch durchschnittlich 2.125 Zuschauer pilgerten.
    Sat 1 Mainz musste sich mit dem 2. Platz zufrieden geben.

    Düster, Düster, Düster

  2. Die Analyse der Lage der Liga kann ich nicht nachvollziehen. Gerade in dieser Saison ist es doch wieder so, dass die Bayern schwächeln und keine andere Mannschaft bisher die Gunst der Stunde nutzen und vollends überzeugen konnte. Der Zweitplatzierte Leverkusen hat von 9 Spielen bereits 3 verloren, der drtitte HSV nur 5 gewinnen.

    In den vergangenen Spielzeiten hatten nach dem 9. Spieltag meist schon zwei Mannschaften über 20 Punkte.

  3. @ Dülp: Das meine ich ja mit Ausgeglichenheit. Sowohl die Bayern als auch die Konkurrenz liegen mehr oder minder gleichauf und hatten noch keine wirklich lange dominante Phase. Hoffenheim hat sich dies durch beherzte Auftritte (auch auswärts) zu Nutze gemacht. Dennoch bleibe ich dabei: Es sind einige Mannschaften, die sich bislang unter Wert verkauft haben, aber noch bis zur Winterpause oder dann im neuen Jahr erstarken werden. Und Hoffenheim wird noch Federn lassen…

  4. Zunächst: Danke. Endlich kann ich weiterlesen.
    Zwei Dinge zu Deinem Artikel:
    1. Wenn Du etwas über die zugegebenermaßen glorreiche Vergangenheit des 1.FCK schreiben möchtest, mußt Du das nicht als Artikel über Hoffenheim tarnen.
    2. Du hast bei den starken Verfolgern Hertha vergessen.
    Beides schreibe ich wider besseres Wissen und ohne jeglichen Grund.

  5. @ inchster: Für unsere treuesten Fans ist uns kein Weg zu weit, keine Mühe zu groß.

    Du wirst lachen: Ich habe tatsächlich kurz überlegt, die alte Dame aus der Hauptstadt mit aufzuführen. Doch dann war mir die Perspektive nach oben hier etwas zu unsicher…

  6. @fränkiboy:
    Die Alte Dame zu vergessen war nicht nur sehr sehr unfein, nein ich möchte sogar so weit gehen zu sagen, wer so ewtas vergisst, der kann nur entweder ahnungslos sein oder oder bösartig.
    Ich schreibe das, weil ich ein absolut reines gewissen habe und im meinem Leben noch nie jemand belogen oder betrogen habe!
    HERTHAMANIA

  7. Und was, wenn doch? Auch, wenn sich meine Sympathie für Retorten-Vereine in überschaubaren Grenzen hält, nötigt mir die Art und Weise, mit der Hopp/ Peters/ Rangnick dieses Projekt zum Laufen gebracht haben, großen Respekt ein. Wenn schon Retorte, dann zumindest eine mit Stil und Plan. Mit einem Bruchteil der Mittel, die VW seit dem Einstieg ins Fußball-Geschäft erfolglos in die grüne Maus Wolfsburg gepumpt hat, um dem Champions League Publikum europaweit die Erinnerung an die erfolgreichen Opel-Milanesen und Bajuwaren zu nehmen, haben die Turner und Sportler aus dem Dorf in drei Jahren Fakten geschaffen. Leverkusen darf als weiterer Richtigmacher in dieser Hinsicht gelten und die heute Geborenen werden bei ihrem ersten Stadionbesuch in zehn Jahren nicht mehr wissen, dass Bayer nicht Gründungsmitglied der Bundesliga war. Und daran möglicherweise auch überhaupt kein Interesse haben. Solange dort Fußball wie in Hoffenheim gespielt wird, die Wer-weiß-wie-sie-dann-heißt-Arena Woche für Woche ausverkauft ist und sich der reisende Support nicht mehr auf 50 als Fans getarnte Vereinsangestellte und Spielerbrüder beschränkt – von mir aus gerne. Zumindest würde ich mir schon jetzt ein fettes Kreuz in meinen CL-Kalender 2009 für den Tag machen, an dem in London Arsene Wenger und Ralf Rangnick ihre Blagen zum Toben mit Ball nach draußen schicken und am Ende der 25jährige Routinier Adebayor in der 88. Minute das entscheidende 7:6 erzielt…

  8. @ bettlägriger Ornithologe: Ich stimme zu – mir wären fünf Hoffenheims in der Buli lieber als 1 Wolfsburg. Nicht nur, weil sie statt dem FCK 2006 in der Liga geblieben sind, sondern weil die Misswirtschaft (aka Kapitalvernichtung) dort Programm ist, und keinerlei „Stil und Plan“ zu erkennen ist.

    Am schönsten ist aber immer noch, wenn ein strauchelnder Traditionsverein wieder zum Leben erwacht und mit durchdachtem Konzept nach oben strebt. Treue Leser wissen, von welchem Club ich spreche… :-)

Kommentare sind geschlossen.