Warten auf den Messias

Unter der Woche widersetzten sich zwei Drittel der Mauertaktik-Redaktion allen inneren und äußeren Unkenrufen und entschieden sich für das Praxisseminar „Moderner Fußball“. Zu selbigem (Unkostenpreis: Euro 16,-) lud der Berliner Hauptstadtclub Hechta BSC, bei dem der portugiesische Altmeister Benfica Lissabon gastieren durfte.

Hertha im UEFA-Cup: Schon immer war diese Kombination die Garantie für Hurrafußball mit Erlebnischarakter. Nehmen wir nur die Saison 2005/06, als die alte preußische Dame sich ganz Fußballeuropa unterwarf und ihre vier Zwischenrundengegner mit insgesamt 1:0 Toren förmlich überrollte. Am vergangenen Donnerstag setzten die 2.600 Zuschauer im gut gefüllten Olympiastadion (inkl. Franco Persico und Fränk von Schleck) all ihre Hoffnungen auf einen Mann.

Der unumstrittene Liebling des Berliner Publikums stammt aus Serbien und kann mit Recht als erste „Charaktersau“ in den Reihen der Herthaner seit Alex Alves bezeichnet werden. Mit dem Unterschied, dass Marko Pantelic, den in Berlin alle nur liebevoll „Tante Pante“ rufen, auch produktiv zum Erfolg des Vereins beiträgt. Hertha-Trainer Lulu Favre bewies bereits im Vorfeld des Spiels feine Sensoren für die Gier der Supporter nach messianischem Heldentum und ließ Pante erstmal draußen.

Hertha gegen Benfica also: Ein Vergleich auf Augenhöhe, wie schon vorher fest stand. Beide Clubs konnten mit Stolz auf eine glorreiche Ära verweisen, in der sie an der Spitze des europäischen Vereinsfußballs thronten: Bei Benfica sind dies die sechziger Jahre (sieben nationale Meistertitel, zwei Landesmeisterpokale), bei Hertha die Saison 1999/2000 (Champions League Zwischenrunde, in der Bundesliga-Abrechnung vor dem VfL Wolfsburg). Doch die Vergangenheit interessierte niemanden im weiten Rund, denn längst ist das Projekt „Hertha 3000“ über die Pilotphase hinausgetreten.

Aber wir schweifen ab, denn es ging ja nur um einen Mann an jenem als kühl (Ostkurve) bis arschkalt (VIP-Tribüne) empfundenen Oktoberabend. Jener Einzelkämpfer durfte sich gegen Ende der ersten Hälfte zum ersten Mal warmmachen. Was natürlich das nach „echten Tüppen“ gleichsam lechzende Publikum ohne Umschweife verzückte. Die Euphorie brach sich in ersten Sprechchören Bahn. „Pante, Pante“, waberte es bis hinunter auf die blau-weiße Tartanbahn, wo sich der serbische Sympathico prompt zu einem caesarianischen Gruß herabließ.

Auch die elf Herthaner auf dem Platz waren von Trainer Favre und Regisseur Sönke Wortmann, der mit Handkamera am Spielfeldrand verharrte, sorgsam instruiert worden, um das Projekt „Ein Mann für alle Bälle“ (Bielefeld-Premiere am 35. November, 20:15 Uhr) nicht zu gefährden. So wurde – wie vorher abgesprochen – kurz nach dem Seitenwechsel das 0:1 zugelassen. Der Hertha-Mob war nun nicht mehr zu bremsen. Eine Ultra-Delegation wurde gen Trainerbank entsandt und nahm dort eigenhändig die Einwechslung vor.

Derweil rief der in der Kurve verbliebene Anhang der Nummer 9 immer wieder ihren Taufnamen in Erinnerung. „Marko Pantelic, oh-oh, Marko Pantelic!“ Selbiger betrat nun das grüne Geläuf, das – solcherart gesegnet – schier zu erstrahlen schien.

Dass nun Großes geschehen würde, war auch dem ignorantesten Besucher sonnenklar. Doch M. P. ließ seine Jünger noch ein wenig warten und beschränkte sich zunächst auf einige – eifrig bejubelte – Kleinstaktionen. In Minute Vierundsiebzig war es dann aber soweit. Pante war gekommen, hatte genug gesehen und schritt nun zur Tat. Ballannahme, kurzes Dribbling, das Leder auf den rechten Schlappen gelegt und ab die Kirsche. Zack-bumm-1:1. Jubel auf dem mittlerweile heilig gesprochenen Grün, Ekstase auf den Rängen. „Der Fußballgott hat einen Namen“, hielt ein unbekannter Schlachtenbummler per Doppelhalter in die knisternde Berliner Nachtluft. Und der Name ebenjenes Auserwählten wurde dann auch noch mehrere hundert Mal skandiert.

„Marko Pantelic, oh-oh, Marko Pantelic!“

Autor: Fränck von Schleck

Fränck von Schleck ist in seiner Heimat eine veritable Legende. Als erster luxemburgischer Blogger überhaupt zog er aus, das gemütliche Kleinherzogtum im Herzen Europas in aller Fußballwelt bekannt zu machen. Der alte Spezi von Buli-Urgestein Jeff Strasser kann den nötigen Draht in die Beletage des internationalen Fußballs vorweisen. Oft angesprochen wird von Schleck auf die bizarren Umlautformationen in seinem Vornamen. Der uneheliche Sohn des bärbeißigen Alttrainers, Tee-Fau-Experten und Weizenanbauers Smudo L. wendete hierfür im Jahre 1994 die damals gültige Zweipunkteregel an. Der smarte Beneluchs wollte damit nach Insiderinformationen speziell in seiner Wahlheimat Berlin (Ost) günstig Sympathiepunkte hamstern. Die letzeburger Labertasche schreibt nach eigener Aussage über alles, was ihm unter die flinken Finger kommt. Saufkumpan Strasser rang ihm am Ende einer mehrtägigen Zechtour weiland das Versprechen ab, mit besonderer Inbrunst über den strauchelnden Pfälzer Traditionsverein zu berichten, bei dem Strasser einst beschäftigt war. Aber auch sonst gibt es kaum ein Thema, das vor der spitzen Feder von der Lützelburg sicher wäre.

7 Gedanken zu „Warten auf den Messias“

  1. JAJAderMARKO… dazu fällt mir eigentlich nur noch ein: „MarcoPolo“ (gesetz den Fall, dass jemand in dieser Runde noch/überhaupt dieses kleine Unterhaltungsspiel aus Freibad-Tagen kennt)

  2. MarcoPolo sagt mir jetzt – zumindest im Freibad-Kontext – leider überhaupt nix… Bin ich zu jung? Oder war ich nur zu selten im Freibad?? Um Aufklärung wird gebeten!

  3. Also, ein ehemaliger Dozent von mir hat mal gesagt: „Schaun Sie doch mal ins Internet – Sie müssen ja nicht alles ausdrucken“ – gesagt, getan – hier das Ergebnis meiner kleinen GOOGLEi:

    „Marco Polo spielen die Kinder gern. Einer hat die Augen geschlossen und ruft immer „Marco“, die anderen antworten mit „Polo“ und er muss einen fangen ohne zu schauen, der ist dann der neue Marco Polo.“

    ja – so war das damals – vor dem Krieg – wir hatten ja nixx;-)

  4. Hehe, danke für das Kurzseminar „Alltagskultur in der BRD“, Dr. Grimm!

    Jaja, die Nachkriegszeit, wir haben ja damals im Hungerwinter auch Kartoffeln im Tiergarten angebaut…

  5. Interessanter Rückblick, vor allem beim Rückblick auf 05/06 musste ich schon etwas schmunzeln. Aber 2.600 Zuschauer sind dann vielleicht doch ne Zehnerpotenz zu wenig 😉

  6. A pro pos „Marco Polo“ – hier noch ein spannender Veranstaltungstipp für alle Marcos dieser Welt:

    „Mittwoch, 05. November 2008, 20:00 – „Marco Polo – eine Mission zur Probenrückführung von einem Asteroiden“:

    Die Europäische Raumfahrtbehörde ESA bereitet ihr neues Wissenschaftsprogramm für Raumfahrtmissionen 2015 – 2025 vor. Eine der Missionen, die im Rahmen dieses Programms untersucht wird, soll eine Probe von einem Asteroiden zurückführen. Die Messungen, die dann durchgeführt werden können, würden unser Verständnis von der Entstehung und Entwicklung des Sonnensystems und damit unserer Erde deutlich verbessern. Dieser Vortrag stellt die wissenschaftlichen Ziele und den aktuellen Stand der Mission vor.
    Der Referent, Dr. Detlef Koschny, ist als „Study Scientist“ für die Mission bei der ESA im holländischen Noordwijk tätig und beschäftigt sich in seiner wissenschaftlichen Arbeit mit kleinen Körpern im Sonnensystem.“

    Stellt sich bloß noch die Frage – wer steckts Tante Pante?
    Die unendlichen Welten des Komos wären definitiv das adequateste BerufsFeld für den Zauberer vom anderen Stern;-)

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