Total normal? Krieg der Spielphilosophien (Buli 6. Spieltag)

Am Wochenende traute man seinen Augen kaum. Da jagte doch tatsächlich Mesut Neeskens im Bremer Weserstadion zwei fulminante Kanonenschläge ins Triangel. Da zauberte sich Renato Cruyff im Bochumer Ruhrstadion fast Knoten in die Beine und bediente ein ums andere Mal in Weltklassemanier Vollstrecker Pätti Rensenbrink. Veritabler „Voetbal total“ in den deutschen Bundesligastadien, wie er zuletzt in den siebziger Jahren auf internationaler Bühne vom holländischen Oranje-Ballett zelebriert wurde.

Es tobt ein Kampf der Systeme in der Bundesliga, dessen Ausgang noch vollends ungewiss ist. Den total und bisweilen unkontrolliert Offensiven aus Leverkusen und Bremen stehen die Kleinbrötchenbacker, die Nullsteher und Maurer feindselig starrend gegenüber. Ein Blick auf die Tabelle belegt die Kluft zwischen Totalitarismus und Minimalismus.

Mit je 18 geschossenen Toren liegen Hansestädter und Werkself einsam an der Ligaspitze. Drei Treffer pro Spiel also – wer das durchhält, hat am Ende der Saison 102 Tore auf der Habenseite. Sicherlich wird es dazu nicht kommen. Mit 5:4 rang Werder am Wochenende Aufsteiger Hoffenheim nieder. Ende August durfte auch Leverkusen gegen die Mannen von Ralf Rangnick richtig zuschlagen. 5:2 hieß es am Ende in der BayArena. Diese Duplizität offenbart gleichzeitig, dass auch die oft geschmähte TSG aus Hoffenheim zum gleichen Philosophiezirkel gezählt werden darf. Nennen wir diese Trias in Ermangelung besserer Einfälle „Die Totalisten.“ Aufsteiger Hoffenheim hat auch bereits 14 Mal ins Eckige getroffen, drei Tore alleine beim imposanten Auftaktsieg in Cottbus erzielt.

Womit wir auch schon bei der Gruppe von Denkern wären, die auf der gegenüberliegenden Seite des fußballdeutschen Säulengangs ihre Thesen austauscht. Die Minimalisten. Die Lausitzer Mauerspechte können hier zweifelsohne auf empirische Datensätze aus dem erfolgreichen Selbstversuch zurückgreifen. In den vergangenen beiden Spielzeiten, besonders im Jahr 2006/07, brachten die Cottbusser den Rest der Liga mit ihrer stoischen bis störrischen Defensivtaktik zur Verzweifelung. 73 Tore erzielten die ostdeutschen Kicker dabei… in beiden Spielzeiten zusammen. Beim SV Werder Total der vergangenen Jahre die normale Ausbeute nach einer Saison.

Cottbus hat es in dieser Saison geschafft, sich mit zwei geschossenen Toren in sechs Partien fünf Punkte zu ergaunern. Stolz sein kann man auf so etwas sicher nicht.

Prominenter Vertreter der Minimalisten ist der FC Schalke 04, bei dem in den neunziger Jahren unter Coach Huub Stevens vor allem die Null stehen musste. Diese Denkart scheint auch heute noch in den Köpfen der Gelsenkirchener festzusitzen. 9:5 Tore stehen zu Buche beim derzeit Viertplatzierten. Dass der kategorische Minimalismus nicht für höhere Weihen taugt, durften die Schalker gegen Atletico Madrid erfahren. 0:4 nach einem mageren 1:0 im Hinspiel. Dabei werden alle, die die Spiele gesehen haben, bezeugen, dass in beiden Partien viel mehr möglich war. Wenn nur konsequent nach vorne… ach lassen wir das. Dennoch: Wäre Schalke nicht Schalke (also notorisch erfolglos), müsste man sie im Auge behalten. Gleiches gilt für den FC Bayern, der sich bislang weder für die eine noch für die andere Seite entschieden hat und derzeit noch vollkommen undogmatisch und leicht bedröppelt in der brütenden Sonne neben der Wandelhalle steht.

Bremen setzt seit Jahren auf die totale Offensive und hat ihr unter anderem den Meistertitel von 2004 zu verdanken, den ersten Gewinn der Salatschüssel seit den Tagen des ewig kontrolliert offensiven, später auch totalitär defensiven Königs Otto. 2004, eine knappe Dekade nach Ottos Thronsturz, sausten die Micouds, Klasnics und Ailtons durch die gegnerischen Abwehrreihen, als gäbe es für jeden Treffer einen Tag trainingsfrei.

In Vergessenheit ist jedoch geraten, dass damals bereits vor Saisonbeginn das Wagnis Offensivfußball an der Weser auf der Kippe stand. Im UI-Cup kam der SVW nämlich mit 0:4 beim österreichischen Teilnehmer SV Pasching unter die Räder, ein Beispiel dafür, dass das Totalisten-Konzept anfällig war und ist. In der Bundesliga weiland freilich eine rauschende Ballnacht nach der anderen: 3:0 zum Auftakt bei der hochgehandelten Hertha in Berlin, 4:1 gegen Schalke, ebenso hoch in Köln obsiegt, 5:3 gegen Wolfsburg, 5:1 in Hannover, Kantersiege auch gegen Hertha im Rückspiel (4:0), den Lokalrivalen HSV, der gar mit 6:0 wieder an die Alster geschickt wurde. Acht Tore gab es mit Bremer Beteiligung beim 4:4 in Stuttgart, und mit einem nachdrücklichen 3:1 wurde der Titel dann im Münchner Olympiastadion dingfest gemacht. 79 Tore erzielte Werder in diesem Jahr. Das Konzept Werder trägt Früchte. Seit 2004 nie schlechter als Platz 3, mit einer Ausnahme immer mehr als 70 Tore pro Spielzeit erzielt.

Leverkusen unter Bruno Labbadia hat mit Kronprinzessin Renate Auguste seinen Micoud / Diego gefunden, dazu mit Pätti Helmes und Stefan Kießling zwei Stürmer der Extraklasse, wie sie einst Ivan Klasnic und „Das“ Ailton, später Miro Klose waren. Dies gepaart mit dem Mut zum Risiko kann am Schluss den Ausschlag geben.

Doch lehnen wir uns nicht zu weit aus dem Fenster. Schließlich lautete der Weltmeister 1974… Deutschland. Und das beste Fußballland vier Jahre später… Argentinien. Gegen wen haben die eigentlich damals jeweils gewonnen? Ach ja richtig, gegen die Niederländer. Da gab es doch mal so ein Konzept, das deren begeisternden Offensivfußball beschrieb. Wie hieß das nur?

In nachhaltiger Erinnerung bleiben nur die Erfolgreichen.

Autor: Fränck von Schleck

Fränck von Schleck ist in seiner Heimat eine veritable Legende. Als erster luxemburgischer Blogger überhaupt zog er aus, das gemütliche Kleinherzogtum im Herzen Europas in aller Fußballwelt bekannt zu machen. Der alte Spezi von Buli-Urgestein Jeff Strasser kann den nötigen Draht in die Beletage des internationalen Fußballs vorweisen. Oft angesprochen wird von Schleck auf die bizarren Umlautformationen in seinem Vornamen. Der uneheliche Sohn des bärbeißigen Alttrainers, Tee-Fau-Experten und Weizenanbauers Smudo L. wendete hierfür im Jahre 1994 die damals gültige Zweipunkteregel an. Der smarte Beneluchs wollte damit nach Insiderinformationen speziell in seiner Wahlheimat Berlin (Ost) günstig Sympathiepunkte hamstern. Die letzeburger Labertasche schreibt nach eigener Aussage über alles, was ihm unter die flinken Finger kommt. Saufkumpan Strasser rang ihm am Ende einer mehrtägigen Zechtour weiland das Versprechen ab, mit besonderer Inbrunst über den strauchelnden Pfälzer Traditionsverein zu berichten, bei dem Strasser einst beschäftigt war. Aber auch sonst gibt es kaum ein Thema, das vor der spitzen Feder von der Lützelburg sicher wäre.

3 Gedanken zu „Total normal? Krieg der Spielphilosophien (Buli 6. Spieltag)“

  1. Der große Unterschied zwischen Bremen 2004 und 2008 ist natürlich, dass Bremen ´04 in der Defensive doch besser stand als die derzeitige Equipe. Mit Krstajic und Ismaël auf der Höhe ihrer Schaffenskraft hat man nicht nur die meisten Tore geschossen sondern auch am zweitwenigsten kassiert. Aber das kann ja beim Werder dieser Tage auch noch werden …

  2. Na der Erklär-Per in WM-Form ist sicher auch der Turm in der Schlacht (wenn er nicht gerade mal zur Notbremse ansetzt). Die defensive Anfälligkeit ist sicher sehr kritisch – wird auch bei Bayer im Auge zu behalten sein…

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