Erlebnisbericht: Colo-Colo vs. Universidad Católica

Es ist nun schon ein Weilchen her, als ich mich im Mai diesen Jahres auf eine kurze Südamerikareise begab. Erste Station dieser Reise war Santiago de Chile. Der Besuch der Stadt war auch mit der Hoffnung verbunden dort ein Fußballspiel besuchen zu können. Zugebenermaßen hielten sich meine Kenntnisse des chilenischen Fußballs einigermaßen in Grenzen, allerdings hatte ich den Namen „Colo-Colo“ schon vor der Abreise im Hinterkopf. Bei Colo-Colo handelt es sich zum einen um einen Häuptling der Mapuche-Indianer vergangener Tage und um den nach ihm benannten Sportverein. Dieser ist Rekordmeister im Fußball und konnte bislang als einzige chilenische Mannschaft 1991 die Copa Libertadores gewinnen. Hierzulande dürfte der Wechsel von Arturo Vidal von Colo-Colo zu Bayer Leverkusen den Bekanntheitsgrad deutlich gehoben haben.

Nun fand ich mich also Anfang Mai in Santiago wieder – und dies ohne nennenswerte Kontakte zu Einheimischen oder fundierte Spanischkenntnisse. Die Situation konnte man zunächst durchaus als „gestrandet“ bezeichnen. Nun bestand die erste Aufgabe also darin herauszufinden, wo und wann in Santiago an diesem Wochenende gegen den Ball getreten wurde. Glücklicherweise fand ich in meiner Jugendherberge an der Theke gleich eine fachkundige Ansprechpartnerin. Sie war bekennende Anhängerin von Universidad de Chile. „La U“, wie dieser Verein auch genannt wird, ist vor allem als Stammverein von Marcelo Salas bekannt. Von ihr erfuhr ich nun, dass an diesem Wochenende das Derby zwischen Colo-Colo und Universidad Católica steigt. Dieses Duell ist der Klassiker unter den chilenischen Derbys. Die Aussichten dafür noch Karten beschrieb sie daher auch als eher mäßig. Ich könnte es ja aber trotzdem mal in der Fußgängerzone der Santiagoer Innenstadt versuchen. Das tat ich dann auch. Es grenzte eher an Zufall, dass ich nach einiger Zeit des Herumirrens dann tatsächlich die Vorverkaufsstelle vor mir hatte. Dort war allerdings ein großes Schild angebracht:

Für das Spiel war „venta de entradas solo en estado #33“ angesagt. Erster interner Gedankengang bei mir: „Aha, sie verkaufen die Tickets nur am Stadion.“ Dies führte aber zu einigen Ungereimtheiten: Wieso hat das Stadion die Nummer 33? Hieß Stadion auf Spanisch nicht „estadio“? Ein paar verwirrte Augenblicke später brachte ein Blick auf den Stadtplan Gewissheit: bei „Estado“ handelt es sich um eine andere Straße. Ergo: ab dahin! Dort zunächst wieder Ernüchterung: Unter Nummer 33 verborgen war eine Einkaufszeile, die einige Friseurläden beherbergte. Die verkaufen die Tickets? Wohl kaum. Zurück auf Estado fiel mir dann ein Musikladen auf, vor dem einige Leute herumlungerten. Vielleicht da? Am Eingang des Ladens wurde ich von einem Türsteher kritisch beäugt, aber dann doch reingelassen. Die Frau an der Kasse fragte ich dann in fließendem Spanisch:“fútbol?“, um dann gleich mit „colo-colo?“ nachzulegen. Die sichtlich verängstigte Frau bat dann ihren Kollegen dazu, der mit einem Griff unter den Tresen dann einen Stapel Karten hervorzauberte. Mit gekonnter Zeichensprache konnte ich dann schließlich doch zwei Karten in der Nähe der Colo-Colo-Kurve erstehen.

Die zweite Karte hatte ich für einen Brasilianer aus dem Hostel besorgt, der bei dem Versuch eine Karte zu besorgen gescheitert war. Am nächsten Tag machten wir uns dann also auf den Weg ins Estadio Monumental, der Heimat von Colo-Colo. Inzwischen waren wir zu dritt, ein weiterer Hostelbesucher aus Guatemala hatte sich zu uns gesellt. Zum Stadion war es eine längere U-Bahnfahrt, bei der wir schon auf einige Colo-Colo-Anhänger stießen. Schnell wurden wir mit dem Schlachtruf:“Chi-Chi-Chi le-le-le Colo-Colo es Chile!“ vertraut gemacht. Im Stadion gingen wir dann in unseren Block „Lautaro“. Der war in unmittelbarer Nachbarschaft zur zentralen Fankurve namens „Garra Blanca“ (die „weiße Kralle“). Eigentlich verstanden sich die Anhänger hier wohl auch eher als Teil der Kralle. Allerdings war es im zentralen Abschnitt „Arica“ deutlich voller und es ging deutlich lauter zu. Schon lange vor dem Anpfiff ging es heiß her. Zunächst wurde die Ankunft der großen Perkussionsinstrumente in der garra ekstatisch gefeiert. Mit deren Unterstützung spitzte sich die Stimmung dann bis zum Auflaufen der Mannschaften zu. Der sogenannte „salida“ der Mannschaft ist eigentlich der stimmungsvolle Höhepunkt des Spiels. Das ganze Stadion fordert lautstark das Team auf das Spielfeld zu betreten und auch mit Pyrotechnik wird nicht gespart.

Nun waren die Mannschaften also auf dem Feld. Sogleich begann ein abwechslungreiches Spiel. Nach einer knappen Viertelstunde wurde eine Flanke der Hausherren zum Torschuss und ging unberührt zum 1:0 ins Netz. Insgesamt galt Colo-Colo in diesem Spiel nicht unbedingt als Favorit, da sie sich in der aktuellen Saison sehr schwer taten und in der Tabelle weit hinter den Stadtrivalen standen. Sehr zum Ärgernis der Colo-Colo-Anhänger konnte „La Cató“ dann auch noch vor der Pause mit einem Kopfball nach einer Ecke ausgleichen. Dieses Spiel sollte aber zum Wendepunkt in der Saison von Colo-Colo werden. Angetrieben unter anderem vom herausragenden Paraguayer Salcedo spielte die Mannschaft eine hervorragende zweite Hälfte. Ein eher glückliches Tor durch einen Weitschuss brachte das 2:1. Torjäger Lucas Barrios machte dann etwa in der 65. Minute das 3:1. Besonders zu beachten ist sein Torjubel in Richtung der Cató-Fans (siehe Video). Danach wurde auch noch ein Katholike vom Platz gestellt, was zu ersten Rudelbildungen führte. Es folgten noch mehrere 100%ige Chancen um auf 4:1 oder noch weit mehr zu erhöhen, diese wurden aber alle vergeben. Kurz vor Schluss kam noch ein zweiter Platzverweis hinzu, weshalb die gesamte Cató-Bank den Unparteiischen nach Ende sehr bedrängte. Jagdszenen auf dem Fußballplatz.

Zusammenfassung im Video

Die drei Touristen in „Laudato“ hatten also ein kurzweiliges Spiel gesehen. Auch miterleben durften wir das harte Eingreifen der Ordnungskräfte, die eigentlich alles wegknüppelten, was sich in Richtung Zaun bewegte. Deshalb fassten wir auch den weisen Entschluss noch ein bisschen am Stadion auszuharren und nicht das Aufeinandertreffen der Fangruppierungen mit der Polizei am U-Bahnhof mitzuerleben. Als wir nach einiger Zeit dort eintrafen bot sich dann auch ein eher unschönes Bild von zertrümmerten Bushaltestellen und einem Hauch von Tränengas in der Luft. Hier offensichtlich business as usual.

Die sportliche Einordnung der Partie fiel mir zunächst schwer. Ich wusste zwar, dass in Südamerika Hin- und Rückrunde als apertura und clausura praktisch eigene Meisterschaften bilden. Die Tatsache aber, dass es sich um ein Viertelfinale handelte ließ mich zuerst vermuten, dass es sich um den Pokal handelt, aber das war weit gefehlt. Die Primera División in Chile wird nämlich derzeit zunächst in Gruppenspielen und dann in Playoffs ausgespielt. Das hier beschriebene Spiel war also das erste dieser Playoffs. Es wurde am nächsten Tag in der Boulevardpresse als „Kreuzigung“ von UC bezeichnet. Das Team von UC wurde außerdem als „equipo argentino“ bezeichnet, was in diesem Zusammenhang wohl mit „schlechter Verlierer“ übersetzt werden muss. Colo-Colo behauptete sich schließlich in diesem Viertelfinale und gewann auch das Halbfinale, musste sich aber im Finale der Apertura knapp der Mannschaft von Everton aus Viña del Mar geschlagen geben.

Ich persönlich machte mich wenige Tage später auf nach Argentinien, wovon noch zu berichten sein wird …

Autor: Franco Persico

Persico ist als gebürtiger Gaucho der geborene Dribbelkünstler. In jungen Jahren zog es ihn allerdings schon nach Europa, genauer nach Berlin-Neukölln, den Bezirk der Reichen und Schönen. Da auf ihn aber zunächst nur letzteres zutraf, heuerte er als Wasserträger in der Bezirksliga an und wurde dort umgehend Publikumsliebling und Stammgast im Vereinsheim. Es folgte ein dramatischer Aufstieg und Franco ist seitdem in den großen internationalen Stadien zu Hause. Auf dem Höhepunkt der Karriere folgte aber dann das Aus, vor allem wegen “Rücken” und “Knie”. Sein Expertenstatus in allen Lebenslagen sorgt nun dafür, dass Persico der geneigten Öffentlichkeit nicht den Rücken zudreht, sondern mit offenen Armen auf sie zugeht, und zwar mit einem Engagement bei der Mauertaktik. Als er hörte, dass auch Fränk und Jürgen mit an Bord sind, fiel die Entscheidung alles andere als schwer. Dieses Dreieck stellt die p-q-Formel des Erfolgs dar. Seinen Schwerpunkt lässt Persico bewusst offen, lässt aber durchscheinen, dass er auch etwas ausgefallenere Themen anschneiden wird. Als Beispiel nennt er diesbezüglich seine Leidenschaft für den japanischen Fußball, die er nicht wird verheimlichen können. Aber auch der einheimische Fußball in der Bundesrepublik wird nicht zu kurz kommen. Als bekennender Lokalpatriot will er HBSC zum Titel schreiben. In Liga zwo wird er als Pseudopunk und Salonsozialist natürlich die braun-weißen Farben des FC St. Pauli hochhalten.

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