Keine Lust auf Länderspiele. Versuch einer Katharsis.

An diesem Wochenende bestätigte sich das Gefühl, das ich schon seit einigen Wochen mit mir herumtrage. Ich will im Moment nichts von der Nationalelf wissen. Gar nix. Schweini Kapitän? Ah ja. Ballack und Frings verletzt? Soso. Liechtenstein 6:0 geschlagen. Nicht interessiert!

Das war beileibe nicht immer so. im Gegenteil. In den letzten Jahren, spätestens seit dem tollen Confed Cup 2005 waren Deutschland-Spiele absolute Highlights in meinem Terminkalender. Endlich wieder schneller, erfrischender, torreicher Fußball nach gefühlten Jahrzehnten des Rumpelfußballs! Schwarz-Rot-Geile Monate, natürlich gekrönt durch das Sommermärchen vor zwei Jahren.

Und jetzt? Alles weg. Nicht nur ist meine Euphorie dahin, ich ertappe mich dabei, wie ich selbst in der Tagespresse die einschlägigen Meldungen zur Bundeself bewusst übersehe. Man könnte fast von Abneigung sprechen.

Bei der Ursachenforschung drängt sich mir der 29. Juni diesen Jahres auf. Ja, das EM-Finale. Eine gigantische Enttäuschung. Nicht einmal das Ergebnis an sich, nicht die Tatsache, dass das Endspiel verloren ging, sondern die Art und Weise, wie, ist in meinen Augen für meine derzeitige Gemütslage verantwortlich. Nach Jahren des Aufschwungs brachen die 90 Minuten von Wien wie eine urplötzliche Baisse auf den Fan herein. Als wären die 11 größten Finanzhäuser des Landes über Nacht kollektiv Bankrott gegangen. Erst mit einigen Wochen Abstand wurde mir klar, dass mit dem 0:1 gegen Spanien auch eine Ära zu Ende ging. Sie ist vor allem mit einem Namen verknüpft: Michael Ballack.

Mit dem Schlusspfiff in Wien wurde dem glücklosen „Capitano“ klar, dass er – mit der Nationalmannschaft zumindest – nie einen Titel gewinnen wird. Er wird deswegen nie auf einer Stufe mit Fritz Walter, Beckenbauer, Matthäus oder Klinsmann stehen (so sind die Gesetze der Branche). Gleiches gilt für Torsten Frings, Ballacks Schwarzenbeck. Auch er wird allenfalls noch ein Turnier spielen. Beide hätten gut daran getan, nach der diesjährigen Euro zurück zu treten. In Österreich und der Schweiz offenbarte sich nämlich bereits die innere Zerissenheit jenes Teams, das zwei Jahre zuvor im eigenen Land noch durch vollkommene Geschlossenheit (nach innen wie außen) geglänzt hatte. Die Zeit der Ballacks, Frings‘ und Kloses ist fast vorbei, die Zeit der Trochowskis, Rolfes‘ und Gomez‘ allerdings noch nicht angebrochen. Stellen wir uns also auf einige dürre Jahre ein.

Es sei denn, die bereits mit einer unglaublich großen Anzahl an Länderspielen gesegneten, aber auch noch noch sehr jungen Spieler wie Schweinsteiger, Podolski und Lahm füllen die Lücke im Machtgefüge der Mannschaft schnell aus. Bereits bei der EM gab es Anzeichen einer Palastrevolution. Ballack sah sich genötigt, intern deutliche Worte zu sprechen. Im Finale blieb er – wie alle anderen Mitglieder der gelähmten deutschen Elf – Fans und Beobachtern alles schuldig. Die unwürdige Leistung mit einem lapidaren Verweis abzutun, es sei eben nicht der „Tag der Deutschen“ gewesen, täuscht über das Ausmaß des Debakels hinweg. Das war kein Spiel einer bemühten, aber unterlegenen Mannschaft. Es war das Spiel einer Mannschaft, die den Glauben an sich selbst bereits vor dem Anpfiff verloren hatte, die ohne Hierarchie und spielerische Linie antrat.

2006 setzten sich die gestandenen Spieler und der Trainerstab nach den peinlichen Gegentoren beim Auftaktspiel gegen Costa Rica an einen Tisch, und gemeinsam wurde ein radikaler Taktikwechsel beschlossen. Federführend hierbei Michael Ballack, damals noch echter Kapitän, der auch das prominenteste Opfer der strategischen Umstellung wurde. Statt Torgefahr auszustrahlen und offensiv Akzente zu setzen, hielt er seinem Rückenfreihalter Frings fortan den Rücken frei. Auch wenn es nicht zum Titel reichte: Die WM 2006 wurde ein rauschender Erfolg.

2008 war dagegen keine einheitliche Linie zu erkennen, kein einziges Spiel wurde über 90 Minuten überzeugend gestaltet. Dass es fürs Finale reichte, war der Tatsache zu verdanken, dass die großartigen Einzelkönner der deutschen Elf in entscheidenen Situationen ihre Extraklasse in die Waagschale warfen (Ballack gegen Österreich, Schweinipoldi gegen Portugal, Lahm gegen die Türken) und so dafür sorgten, dass die Mission „Gipfelsturm“ nicht bereits in einem der Höhenlager endete. Im Finale wäre dann eine Anstrengung der gesamten Seilschaft vonnöten gewesen, um den letzten Grat zu überwinden. Doch stattdessen irrte jeder alleine in der dünnen Wiener Nachtluft umher. MIt bekanntem Resultat.

Dieser mit vollkommener Passivität ausgefüllte Schlussakkord des Alpenturniers war ohne Zweifel die größte Enttäuschung seit Jahren. Viel von dem, was in vier Jahren von Klinsmann und Löw mühsam aufgebaut worden war, brach an einem Abend wieder in sich zusammen.

Ich weiß nicht, wann ich mir wieder ein Länderspiel ansehen werde. Sicher, das mag übertrieben klingen, aber die innere Aversion hält sich hartnäckig. Vielleicht im November gegen England, immerhin ein Klassiker… Einstweilen füllt der Vereinsfußball die Lücke. Wenn nicht gerade Länderspielpause ist…

Autor: Fränck von Schleck

Fränck von Schleck ist in seiner Heimat eine veritable Legende. Als erster luxemburgischer Blogger überhaupt zog er aus, das gemütliche Kleinherzogtum im Herzen Europas in aller Fußballwelt bekannt zu machen. Der alte Spezi von Buli-Urgestein Jeff Strasser kann den nötigen Draht in die Beletage des internationalen Fußballs vorweisen. Oft angesprochen wird von Schleck auf die bizarren Umlautformationen in seinem Vornamen. Der uneheliche Sohn des bärbeißigen Alttrainers, Tee-Fau-Experten und Weizenanbauers Smudo L. wendete hierfür im Jahre 1994 die damals gültige Zweipunkteregel an. Der smarte Beneluchs wollte damit nach Insiderinformationen speziell in seiner Wahlheimat Berlin (Ost) günstig Sympathiepunkte hamstern. Die letzeburger Labertasche schreibt nach eigener Aussage über alles, was ihm unter die flinken Finger kommt. Saufkumpan Strasser rang ihm am Ende einer mehrtägigen Zechtour weiland das Versprechen ab, mit besonderer Inbrunst über den strauchelnden Pfälzer Traditionsverein zu berichten, bei dem Strasser einst beschäftigt war. Aber auch sonst gibt es kaum ein Thema, das vor der spitzen Feder von der Lützelburg sicher wäre.

2 Gedanken zu „Keine Lust auf Länderspiele. Versuch einer Katharsis.“

  1. Alles Quatsch! Unsere Elf macht wieder Spaß wie nie. Die Achse Lahm-Trochowski-Poldi wird auch Dich noch überzeugen.

    Aber ne Frechheit ist der Kommentar zu Ballack, der angeblich bei der EM keine „echter“ Kapitän mehr war. Man erinnere sich bitte an die Portugal-Partie, bei der nach dem mageren Autritt gegen unseren alpinen Nachbarn auf einmal mit der Chealsea-Taktik gespielt und glanzvoll gewonnen wurde. Definitiv die Handschrift des Görlitzers…

  2. @ P. Niebel: Nunja. Ballack. Was hat der eigentlich am 29.6. gemacht? Glaube Urlaub in der Sächsischen Schweiz. Gegen Portugal hat er zweifelsohne eine gute, vielleicht seine beste, Partie des Turniers gemacht. Dennoch bleibe ich dabei. Leider kein Winner-Typ. Zidane 1998: Zwei Tore im Finale. So sehen Sieger aus… :-)

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